Moderne Hexen sind Menschen — mehrheitlich, aber längst nicht nur Frauen, darunter auch queere Personen und Männer —, die Magie als individuelle spirituelle Praxis betreiben: Rituale, Zauber, Tarot, Runen, orientiert an Mondphasen und Jahreskreisfesten, oft verbunden mit Naturverehrung und dem Selbstverständnis einer spirituell autonomen, selbstermächtigten Person. Die große Mehrheit der auf TikTok, Instagram und YouTube sichtbaren Hexen gehört keiner festen Religion und keiner institutionalisierten Form des Hexentums an; die Selbstbezeichnung lautet „freifliegende Hexen“. Die folgende Darstellung beruht auf einer längeren Recherche in den einschlägigen Social-Media-Kanälen, auf Gesprächen mit modernen Hexen sowie auf der historischen Forschung zur Hexenverfolgung; sie beschreibt das öffentlich sichtbare Hexentum und erhebt nicht den Anspruch, jede einzelne Praktizierende zu treffen.
Herkunft und Entstehung: Das Hexenbild und seine Geschichte
Das moderne Hexentum beruft sich auf die Opfer der historischen Hexenverfolgung — und zeichnet dabei ein Bild, das der Forschung in zentralen Punkten widerspricht. Die Hexenverfolgungen hatten ihren Höhepunkt nicht im Mittelalter, sondern in der frühen Neuzeit, im 16. und 17. Jahrhundert. Sie kosteten nach heutigem Forschungsstand etwa 50.000 bis 70.000 Menschen das Leben — furchtbar genug, aber weit entfernt von den mitunter behaupteten Millionen. Und sie trafen nicht nur Frauen: 15 bis 30 Prozent der Opfer waren Männer.
Vor allem aber ist die im modernen Hexentum verbreitete Erzählung nicht haltbar, die Verfolgten seien feministische Kräuterkundige und Trägerinnen einer vorchristlichen Urreligion gewesen, die von Kirche, Obrigkeit und Patriarchat in einer Art Kreuzzug ausgelöscht werden sollten. Eine solche Urreligion ist historisch nicht nachgewiesen, eine Traditionslinie bis in die Gegenwart lässt sich nicht zeigen. Auch die Rolle der Kirche ist komplizierter, als das Narrativ es will. Die Kirche lieferte das ideologische Fundament — die Hexenbulle von 1484, der Hexenhammer von 1487, dazu die Ketzerprozesse als strukturelle Vorlage — und trägt dafür Verantwortung. Die Initiative zu den Prozessen ging jedoch in der großen Mehrheit der Fälle von der Bevölkerung aus. Der Kontext war die Kleine Eiszeit mit Missernten und Hunger: Die Not suchte Schuldige, und der Druck aus der Bevölkerung auf die lokalen, weltlichen Gerichte, Verantwortliche für „Wetterzauber“ zu finden, stieg. Wo die kirchliche Inquisition selbst zuständig war, in Italien und Spanien, gab es vergleichsweise wenige Hinrichtungen; die Inquisitoren verlangten strikte Beweise und misstrauten erfolterten Geständnissen. Typische Opfer gab es nicht. Der Historiker Thomas P. Becker schreibt über Gegenden wie Mosel und Voreifel, es sehe „geradezu so aus, als ob die Führungsschicht in den Dörfern das eigentliche Ziel der Hexenverfolgungen gewesen wäre“, und an anderer Stelle: „Opfer von Hexenverfolgungen konnte jeder werden. Entscheidend war das Interesse derer, die die Hexenjagden in Gang brachten.“ Die Schuld von Kirche und Staat liegt darin, Angst, Gerüchten und Denunziation nachgegeben zu haben, statt ihnen entgegenzutreten; die Massenverfolgung selbst aber war ein Projekt von unten.
Dieser Sündenbockmechanismus ist nicht Vergangenheit. Aus Indien wurde der Fall einer Frau berichtet, die mit vier Familienmitgliedern von rund fünfzig Dorfbewohnern aus dem Haus gezerrt, mit Bambusstöcken geschlagen, mit Benzin übergossen und verbrannt wurde; der Vorwurf lautete auf schwarze Magie, nur der sechzehnjährige Sohn überlebte. Vergleichbare Berichte gibt es aus Peru, Papua-Neuguinea und vor allem aus subsaharischen Ländern Afrikas: Not wird personalisiert, das Bild der Hexe zum Sündenbock für strukturelle Probleme — heute nicht in staatlichen Prozessen, sondern als Lynchjustiz.
Dass eine religiöse Bewegung ihre Ursprungsfiguren mythologisiert, ist nicht ungewöhnlich; die Diskrepanz zwischen Selbstdarstellung und historischem Befund findet sich bei Scientology und L. Ron Hubbard ebenso wie in der Jesusüberlieferung. Das Besondere am modernen Hexentum ist, dass die verklärte Gründungsfigur ein Kollektiv ist: die verfolgten Hexen. Die Vorstellung eines geheimen, unterdrückten Wissens, das weise Frauen aus einer Urreligion tradiert hätten, sagt mehr über die Sehnsüchte der Gegenwart aus als über die frühe Neuzeit. Nachzeichnen lässt sich diese Sehnsuchtsgeschichte durchaus: In der Romantik wurde das Hexenbild, oft in nationalistischem Kontext, als Rest einer vorchristlichen Urreligion gedeutet; Jakob Grimm popularisierte Erzählungen, die die Verfolgten zu einstigen Priesterinnen und weisen Frauen machten. 1921 behauptete die Ägyptologin, Anthropologin und Frauenrechtlerin Margaret Murray in „The Witch Cult in Western Europe“ eine ungebrochene heidnische Kultlinie von einem steinzeitlichen Fruchtbarkeitskult bis zum Hexenwesen des Spätmittelalters. Schon Zeitgenossen kritisierten die Arbeit als methodisch unsauber; der Frühneuzeit-Historiker Wolfgang Behringer nennt sie eine „abstruse These“. Wirkmächtig war sie dennoch — und wird bis heute als korrekt weitererzählt.
Geschichte und Entwicklung: Von Wicca zur freifliegenden Hexe
1954 veröffentlichte Gerald Gardner, der aus dem Umfeld Aleister Crowleys kam, das Buch „Witchcraft Today“ und wurde damit zum Vater des modernen Wicca. Gardner behauptete, in einen im New Forest in England bestehenden Hexenzirkel initiiert worden zu sein; ob diese Gruppe je existiert hat, ist fraglich. Religionswissenschaftlich betrachtet ist Gardners System ein Synkretismus aus Freimaurerei, Okkultismus und zeitgenössischer Folklore — keine Tradierung einer antiken Urreligion. Das Wort Wicca ist altenglisch und bedeutet Hexer oder Zauberer; es ist die männliche Form, die weibliche wäre „wicce“ — ein Hinweis darauf, dass Hexentum nie ein rein weibliches Phänomen war und der Begriff bis heute übergeschlechtlich verstanden wird. Wicca organisiert sich in lokalen Coven, also Hexenzirkeln mit Initiationsritus, ohne übergeordnete Instanz. Verbreitet ist ein duales Gottesbild mit einer Göttin und einem gehörnten Gott, der nicht mit dem Teufel identisch ist; der Jahreskreis mit seinen Festen spielt eine zentrale Rolle. Als ethische Grundregel gilt das Wiccan Rede: „Solange es niemandem schadet, tu, was du willst“ — kein Gesetz, aber ein Leitspruch.
Im Zuge der feministischen Bewegung traten politische Aspekte in den Vordergrund. In Italien gingen im November 1977 zahlreiche Frauen als Hexen verkleidet auf die Straße, um sich „die Nacht zurückzuholen“, unter der Parole „Zittert, zittert, die Hexen sind zurückgekommen“; vergleichbare Demonstrationen folgten in anderen Ländern, auch in Deutschland, insbesondere in der Nacht zum 1. Mai, der Walpurgisnacht. Vor allem in den USA entwickelte sich ein Hexenbild, das vom Kampf um Gleichberechtigung geprägt war; für prominente Vertreterinnen wie Miriam Simos wurde das Hexesein vom Mysterienkult zum Werkzeug weiblicher Selbstermächtigung und gesellschaftlicher Veränderung.
Spätestens in den 1980er Jahren setzte sich die Selbstinitiation durch: Man muss keinem Coven mehr angehören, jede und jeder kann sich selbst zur Hexe erklären — das Geheimwissen wurde demokratisiert. Das Ergebnis ist das heutige freifliegende Hexentum, ein synkretistisches Mix-and-Match, in dem alle möglichen Gottheiten vorkommen und erlaubt ist, was sich stimmig und ermächtigend anfühlt. Die Ästhetik speist sich weniger aus alten Kulten als aus der Popkultur: Harry Potter, Charmed und verwandte Erzählungen vermitteln das Bild selbstwirksamer Personen, die ihr Leben im Griff haben; die sozialen Medien haben dieser Bewegung eine Bühne verschafft, die es vorher nicht gab. Wicca und Hexentum sind dabei nicht deckungsgleich: Wicca ist eine Religion mit gewissen Strukturen, das moderne Hexentum eine individuelle magische Praxis, die sich jede Person selbst zusammenstellt. Manche Hexen berufen sich auf eine „alte magische Familie“, aus der ihr Wissen stamme; unabhängig davon, was daran im Einzelfall stimmt, fand die Popularisierung des Phänomens erst im 20. Jahrhundert statt, und in eine Urreligion reichen solche Familientraditionen sicher nicht zurück.
Lehre und Glaubenssätze: Energie, Intention und das Gefühl als Maßstab
Eine verbindliche Lehre gibt es nicht — das ist selbst der zentrale Lehrsatz. Das moderne Hexentum kennt keine heilige Schrift, kein Dogma und keine Autorität, die festlegt, was richtig ist. Eine Formulierung, die einer Bekenntnisformel am nächsten kommt, stammt von einer modernen Hexe: „Hexe sein kommt aus deinem Herzen.“ Hexe wird, wer sich dazu erklärt und praktiziert, was sich stimmig anfühlt.
Grundlage ist gleichwohl ein esoterisches, magisches Weltbild. Die Welt gilt als großes, verwobenes Ganzes, oft vorgestellt als allumfassende Energie oder als „Energienetz“. Nichts geschieht zufällig; durch Rituale, Zauber und vor allem durch die eigene Intention kann die magisch handelnde Person auf diese Energie einwirken und damit die Wirklichkeit verändern. Der Gedanke der Manifestation — Gedanken verändern Realität — spielt eine große Rolle, ebenso astrologisches Denken: Mondphasen, Planetenkonstellationen und der Jahreskreis bestimmen, wann welche Handlung günstig ist. Diese Mechanismen gelten als real, aber naturwissenschaftlich nicht nachweisbar; in reproduzierbaren Studien lässt sich eine Wirksamkeit tatsächlich nicht zeigen. Die Anschlussfähigkeit dieses Weltbilds liegt auf der Hand: In einer als chaotisch und unverfügbar erlebten Welt, die über die sozialen Medien ungefiltert auf das eigene Handy einprasselt, verspricht es Kontrolle — wer die Energien richtig lenkt, kann die Bahnen des eigenen Lebens selbst bestimmen. Es ist das Versprechen, sich die Welt verfügbar zu machen; einhaltbar ist es nicht.
Aus Wicca übernommen und radikalisiert ist die Stellung des Gefühls. Die Religionswissenschaftlerin Britta Rensing nennt Wicca eine „Kongruenzreligion“: Der Glaube soll deckungsgleich mit dem eigenen Fühlen sein. Das einzige Dogma lautet dann: Wahr ist, was sich für mich stimmig anfühlt. Wie weit das reicht, zeigt die Ratgeberliteratur. Die Hexenautorin Panhans listet in „Die Kunst der Hexerei“ die „gängigsten Bedeutungen“ von Farben auf, um im selben Zug zu erklären, diese Wirkungen seien „nicht in Stein gemeißelt“ und könnten „aus persönlichen Gründen verändert werden“. Beim Reinigungsritual gelte: mit dem Uhrzeigersinn anziehen, gegen den Uhrzeigersinn entfernen — es gebe aber auch Hexen, die es genau andersherum machten, „einfach weil es sich für sie richtig anfühlt“. Wenn die Wirkung eines Steins, einer Farbe oder einer Laufrichtung ausschließlich davon abhängt, was die einzelne Person empfindet, bleibt vom Anspruch jahrtausendealter feststehender Zuschreibungen nichts übrig als eine rein subjektive Setzung.
Das Verständnis von Magie ist dabei innerhalb der Szene differenziert. Die meisten auf Social Media sichtbaren Hexen halten Magie für real wirksam. Es gibt aber auch Hexen, die die Wirkung ihrer Rituale ausdrücklich auf einer psychologischen Ebene verorten: als Psychohygiene, als Arbeit an der eigenen Haltung zur Welt. Diese Deutung kommt ohne esoterische Wirkungsbehauptungen aus und kann in manchen Bereichen durchaus sinnvoll sein.
Eigenheiten und Praxis: Zauber, Ästhetik und die Ökonomie von WitchTok
Die Praxis ist so individuell wie die Lehre: Liebeszauber, Wohlstandsrituale, Heilkerzen, Schutzzauber, Arbeit mit Kräutern, Heilsteinen, Tarot oder Runen — jede Hexe hat eigene Vorlieben. Auf TikTok, wo Witchcraft-Inhalte unter dem Stichwort WitchTok ein eigenes Genre bilden, zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: Praktiken werden vorgeführt, aber kaum begründet. Eine Hexe mit über 300.000 Followern reiht in einem Video Tipps aneinander — eine zerschnittene Zwiebel neben das Bett Kranker legen, Zauberöl hinter die Knie auftragen, „damit die Gelegenheit dir folgt“, Salzwasser gegen Albträume, keine Schönheitsbehandlung bei Neuanbietern um den Vollmond („Just trust me on that one“). Warum etwas wirken soll, bleibt offen; die Beliebigkeit ist, wie die zitierte Ratgeberliteratur zeigt, kein Ausrutscher, sondern Systemmerkmal.
Ein eigenes Genre sind Rachezauber. Eine amerikanische TikTok-Hexe führt einen Zauber vor, der das Leben einer anderen Person ruinieren soll — man schreibe deren Namen auf Toilettenpapier, benutze es und spüle es hinunter, mit der Warnung, das nur bei Menschen zu tun, die es „verdient“ hätten, denn es werde „das Leben dieser Person buchstäblich in Scheiße verwandeln“. Die Intention, einem anderen Menschen zu schaden, wird offen formuliert; im Selbstverständnis der Praktizierenden ist der Schaden real. Auffällig ist zudem die durchgängige Warnrhetorik: Zauber könnten auf einen zurückfallen, die falsche Person treffen, erforderten Schutzzauber und Vorwissen. Ein drastisches Beispiel liefert eine deutschsprachige Hexe mit rund 69.000 Followern, die vor Liebeszaubern warnt: Wer einen solchen ausführe, durchbohre das zweite Chakra des Mannes, der daraufhin Kunden, Kreativität und Geld verliere — „und du bleibst mit einem Mann, der komplett von dir manipuliert wurde, dich nicht wirklich liebt und jetzt auch noch kein Geld mehr verdient“. Es könne „gewaltig in die Hose gehen“, auch „in eurer nächsten Generation. Eure Kinder werden es ausbaden müssen.“ Ein reichweitenstarker Magier warnt in ähnlichem Ton vor Runen: „uralte Symbole“ mit „sehr, sehr starker magischer Kraft“ — wer sich eine unbekannte Runenformel auf das Handgelenk male, hole sie sich „symbolisch in seine Blutbahn“, könne aggressiv oder krank werden; Runen solle man nur „von dem bekommen, der sich auch wirklich damit gut auskennt“. Dieselbe Logik führt dazu, dass reale Probleme magisch gedeutet werden: In einem Fall wurde eine offenbar saisonale Depression auf eine verfluchte Topfpflanze zurückgeführt, die die Schwiegermutter geschenkt habe; nach einem Reinigungsritual flog die Pflanze aus dem Haus, der Kontakt zur Schwiegermutter wurde abgebrochen, das Problem galt als gelöst.
Zur Praxis gehört eine hochgradig inszenierte Ästhetik: Altäre mit Götterstatuen, Kräutern und feuerfesten Gefäßen, Rauchschwaden, Musik, eine wiedererkennbare Stimmung. Diese Ästhetik ist ein wesentlicher Sogfaktor — und sie ist konsumierbar. In sogenannten Witch-Haul-Videos präsentieren Hexen ihre Einkäufe aus Hexenläden und Onlineshops; eine der bekanntesten deutschsprachigen Witchfluencerinnen erzählt begeistert von in der Schweiz erworbenen Artikeln, so teuer, dass man sich davon sprichwörtlich „eine Niere kaufen“ könne. Hier greift, was der Philosoph René Girard als mimetisches Begehren beschrieben hat: Wünsche entstehen am Vorbild — man begehrt ein Objekt, weil ein anderer es hat oder begehrt. Die Grenze zur Werbung ist fließend; Heilsteine werden im „Sonderangebot“ beworben, auf Plattformen wie Etsy lassen sich Liebeszauber buchen, von wenigen Dutzend bis zu rund tausend Euro. Daneben steht ein Dienstleistungsmarkt mit erheblicher Reichweite: Ein als Schamane auftretender Anbieter mit rund 70.000 Followern, der in einem Privatsender-Podcast unkritisch als Fluchlöser von Prominenten präsentiert wurde, bietet Fluchlösung, energetische Hausreinigung, Chakrenausgleich, Rückführungen in vergangene Leben, Lichtkosmetik, Wirbelsäulenbegradigung und Ausbildungen etwa zum „Heilpriester der Erde“ oder „atlantischen Kristallheiler“ an. Bezeichnend ist, dass sich zwei der größten deutschsprachigen Akteure gegenseitig genau das vorwerfen, was von außen als Muster erkennbar ist: Angst vor Flüchen zu erzeugen und anschließend die eigene, kostenpflichtige Fluchlösung anzubieten. Zugleich gilt: Nicht jede Hexe bietet Dienste gegen Geld an, innerhalb der Szene gibt es Stimmen, die die Kommerzialisierung grundsätzlich kritisieren, und Konsum ist keine Voraussetzung des Hexeseins — viele betonen, dass haushaltsübliche Mittel genügen.
Kritische Einordnung
Das moderne Hexentum entzieht sich den klassischen Sektenkriterien in auffälliger Weise. Es gibt keine Organisation, keine Führungsfigur, keine Mitgliedschaft, keine Autoritätskonzentration, keine Austrittshürden, keinen gesteuerten Kontaktabbruch. Wer aufhören will, hört auf. Die Probleme liegen woanders: im Weltbild selbst und in der Dynamik der Plattformen, auf denen es verbreitet wird.
Erstens die Angstkommunikation. Die Warnungen vor falsch ausgeführten Zaubern, vor Flüchen, vor Runen, vor generationenübergreifenden Folgen erzeugen — teils drastisch, teils subtil — die Sorge, etwas falsch zu machen und sich oder anderen zu schaden. Das trifft auf TikTok auf eine der jüngsten Nutzergruppen der sozialen Medien: Jugendliche und junge Erwachsene in Findungsphasen und vulnerablen Lebenslagen. Wer als Fünfzehnjährige einen Liebeszauber ausprobiert hat und anschließend hört, sie habe damit möglicherweise das Leben eines Menschen zerstört und ihre künftigen Kinder würden es ausbaden, trägt eine erhebliche psychische Last davon. Das ist verantwortungslos — unabhängig davon, ob die Warnenden selbst daran glauben. Verschärfend kommt hinzu, dass Warnung und Dienstleistung ökonomisch zusammenhängen können: Wer Angst vor Flüchen verbreitet und Fluchlösung verkauft, hat ein Eigeninteresse an der Angst. Ein individueller Vorsatz muss dafür nicht unterstellt werden — die Struktur genügt.
Zweitens die Gesundheitsrisiken. Wo Krankheit energetische Ursachen zugeschrieben bekommt — ein Fluch, eine blockierte Energie —, wird sie mit energetischen Mitteln behandelt. Bei Heilungszaubern finden sich zwar häufig verantwortungsvolle Disclaimer, aber eben auch Angebote, die Depressionen mit einem Kerzenritual heilen wollen oder Krebs mit Ritualen adressieren. Die Folge kann Therapieverschleppung sein: Menschen wählen erst die vermeintlich sanfte Alternative und gehen zu spät zum Arzt. Aus Zuschriften ist ein Fall bekannt, in dem eine Person nach dem Umweg über Heiler und alternativmedizinische Angebote zu spät ärztlich behandelt wurde und früh verstarb. Hier verlaufen rote Linien.
Drittens die Rachezauber. Selbst wer sie wohlwollend als symbolische Wutverarbeitung deutet, steht vor einem empirischen Befund: Das Ausagieren von Wut, bei dem man gedanklich um die kränkende Person kreist, verarbeitet den Konflikt nicht, sondern verstärkt ihn. Der Sozialpsychologe Brad Bushman maß bei Versuchspersonen, die ihre Wut auslebten und dabei an den Verursacher dachten, anschließend mehr Ärger und höhere Aggressivität als in den Kontrollgruppen; Wut abzureagieren sei „wie Benzin auf ein Feuer zu gießen, um es zu löschen“. Eine Metastudie über 154 Studien mit über 10.000 Teilnehmenden bestätigt die Richtung: „Venting“ hat keine reinigende Wirkung; wirksamer sind Strategien, die innere Distanz herstellen — Meditation, Atemübungen, Entspannung. Rachezauber leisten strukturell das Gegenteil: Sie stabilisieren die emotionale Bindung an den Konflikt. Ein Teil der Szene lehnt sie unter Berufung auf das Wiccan Rede ohnehin ab.
Viertens der Umgang mit Wahrheit. Die Formel „Wahr ist, was sich für mich richtig anfühlt“ klingt befreiend, hat aber eine bedenkliche Struktur. Fundamentalistisches Denken lässt sich religionspsychologisch als Intratextualität beschreiben: Der heilige Text gilt als geschlossenes System, das sich selbst erklärt; externe Quellen — Wissenschaft, historische Forschung, Argumente Außenstehender — sind irrelevant oder gefährlich. Ersetzt man den heiligen Text durch das eigene Empfinden, bleibt die Denkstruktur identisch: Das Gefühl wird zur unhinterfragbaren Quelle, die keine Prüfung und keine Korrektur braucht. Man kann das einen Fundamentalismus der Subjektivität nennen. Er immunisiert gegen jede Kritik — auf den Satz „für mich fühlt es sich eben richtig an“ lässt sich nichts erwidern, ohne übergriffig zu wirken. Gesellschaftlich ist das folgenreich: Wo das eigene Gefühl denselben Rang beansprucht wie wissenschaftliche Erkenntnis, schwindet die gemeinsame Grundlage für Verständigung — mit realen Konsequenzen etwa dort, wo Impfentscheidungen nach Gefühl statt nach Evidenz getroffen werden. Hinzu kommt: Viele Hexen behaupten empirisch überprüfbare Wirkungen — Flammen vergrößern, Wolken lenken, Krankheiten heilen. Solche Behauptungen halten der Überprüfung nicht stand; es gibt keine einzige Studie, die eine Wirksamkeit zeigt. Der Einwand, die Wissenschaft sei „noch nicht so weit“, verfängt nicht, denn geprüft wird nicht der Mechanismus, sondern das behauptete Ergebnis. Wo es dennoch zu funktionieren scheint, reichen Placeboeffekt und Bestätigungsfehler als Erklärung: Der eine Treffer wird erinnert, die Fehlschläge fallen hinten herunter.
Fünftens die Eliminierung des Zufalls. Im magischen Weltbild hat alles eine Ursache — eine Energie, ein Fluch, eine Intention. Diese Denkstruktur hat Parallelen zum verschwörungstheoretischen Denken, das ebenfalls keinen Zufall kennt, sondern hinter allem steuernde Interessen vermutet. Das macht Hexen nicht zu Verschwörungstheoretikern, aber anfälliger für entsprechende Erzählungen. Zur Fairness gehört: Dieselbe Struktur findet sich in fundamentalistisch-christlichen Kreisen, wo statt der Energie Gott oder Satan hinter allem steht, und magisches Denken gibt es auch innerhalb des Christentums — etwa dort, wo Gebet als Technik verstanden wird, Gott verfügbar zu machen. Das magische Weltbild ist kein Alleinstellungsmerkmal der Esoterik; es ist in allen seinen Ausprägungen eine Täuschung, weil es nachgewiesenermaßen nicht leistet, was es verspricht.
Zwei Punkte sind zugunsten des Phänomens festzuhalten, und sie wiegen nicht wenig. Erstens die Naturverbundenheit: das Bewusstsein für Ökologie, die Zuwendung zur belebten Welt, die Weigerung, den Löwenzahn im Garten nur als Unkraut zu sehen — etwas, das in der Gesellschaft wie in der christlichen Tradition weithin fehlt. Zweitens die Selbstermächtigung: Die Figur der Hexe funktioniert als Identifikationsfigur, mit der Menschen — Frauen, auch queere Personen — ihren eigenen Weg und ihre Stimme finden und sich gegen patriarchale Zumutungen behaupten. Dass die historische Grundlage dieser Figur nicht trägt, entwertet das nicht zwingend; Identifikationsfiguren können wirksam sein, ohne historisch korrekt zu sein — Robin Hood ist das klassische Beispiel. Beide Stärken funktionieren unabhängig vom magischen Weltbild: Wer die Rituale als Psychohygiene versteht, behält den Gewinn und lässt den Ballast zurück. Zu würdigen ist schließlich, dass die Szene im direkten Kontakt überwiegend freundlich, tolerant und weltoffen auftritt und reflektierte Stimmen kennt, die Kommerzialisierung und Angstmache selbst kritisieren. Eine gelegentlich vermutete Nähe zum Rechtsextremismus besteht personell nicht: Zwar arbeiten rechtsextreme Kanäle mit derselben nordischen Symbolik, insbesondere Runen, und Empfehlungsalgorithmen können Nutzer über diese Schnittmenge in entsprechende Inhalte spülen — das ist aber ein Problem der Plattformlogik, kein spezifisches des Hexentums; rechtsextreme Inhalte innerhalb der WitchTok-Community selbst sind allenfalls ein Randphänomen.
Fazit
Das moderne Hexentum ist keine Sekte — jedenfalls nicht in dem strukturellen Sinn, in dem der Begriff Autoritätskonzentration, Kontrolle, Abschottung und Sanktionierung von Austritt bezeichnet. Dafür fehlt schlicht alles: die Organisation, die Führung, die Mitgliedschaft. Es ist eine radikal individualistische neureligiöse Strömung auf esoterischer Grundlage, deren sichtbarste Form eine Social-Media-Kultur mit erheblicher Reichweite ist. Die Risiken folgen nicht aus Gruppenzwang, sondern aus dem Weltbild und seiner medialen Verstärkung: Angstkommunikation, die auf ein junges, vulnerables Publikum trifft; magische Krankheitsdeutungen mit der Gefahr der Therapieverschleppung; ein Markt, der Spiritualität zur Ware macht und von der Angst profitieren kann, die er miterzeugt; und ein Fundamentalismus der Subjektivität, der das eigene Gefühl gegen jede Korrektur immunisiert. Dem stehen reale Stärken gegenüber — Naturverbundenheit, Selbstermächtigung, eine überwiegend offene und freundliche Community —, die vom magischen Überbau ablösbar wären. Die tragfähigste Einordnung lautet daher: kein konfliktträchtiges Gruppenphänomen, aber ein problematisches Weltbildphänomen, dessen Gefahren dort konkret werden, wo Gesundheit, Geld und die Ängste junger Menschen im Spiel sind.