Die IM Academy ist ein US-amerikanisches Unternehmen, das Online-Kurse zum Handel mit Devisen, digitalen Währungen und Futures verkauft und diese Kurse über ein Multi-Level-Marketing-System vertreibt. Sie steht exemplarisch für einen Typus von Organisation, der ohne religiöse Ideologie auskommt und dennoch Strukturen ausbildet, die aus der Beobachtung sogenannter Sekten vertraut sind: Heilsversprechen, hierarchische Aufstiegsstufen, Abschottung gegen Kritik und ein Geschäft mit der Hoffnung. Grundlage der folgenden Darstellung sind die Selbstdarstellung des Unternehmens einschließlich seines in den USA verpflichtenden Income Disclosure Statement, Warnungen von Finanzaufsichtsbehörden, Medienberichte unter anderem von tagesschau.de und dem österreichischen Standard, Aussteigerberichte sowie Einschätzungen der Schweizer Sektenberatungsstelle infoSekta.
Netzwerkmarketing, Strukturvertrieb, Multi-Level-Marketing: Begriffe und Funktionsweise
Um die IM Academy einordnen zu können, muss zunächst die Vertriebsform verstanden sein, deren Spezialfall sie darstellt. Netzwerkmarketing im weitesten Sinn – der Verkauf über persönliche Empfehlung – ist ein uraltes Prinzip: Schon in der Antike nutzten Handelsreisende, Handwerker und Schreiber persönliche Empfehlungen ihrer Kundschaft, um ihre Geschäfte auszuweiten. Der Mechanismus dahinter ist sozialpsychologisch schlicht: Menschen, die man kennt und denen man vertraut, bringt man ein Grundvertrauen entgegen, und wer eine Beziehung erhalten will, wird dieser Person – so die Erwartung – nur solide Waren zu vernünftigen Preisen anbieten. An dieser Vertriebsform ist zunächst nichts Anstößiges.
Davon zu unterscheiden ist der Direktvertrieb: Ein Unternehmen setzt eigene Außendienstmitarbeiter ein, die Produkte ohne Zwischenhandel direkt an Kunden verkaufen – in Deutschland klassisch verkörpert durch Vorwerk und den Staubsaugervertreter an der Haustür. Im klassischen Direktvertrieb sind die Verkäufer fest angestellt und nur zu einem Teil erfolgsabhängig bezahlt. Der Strukturvertrieb ist eine Spezialform des Direktvertriebs: Hier bietet das Unternehmen potenziellen Vertretern einen Marketingplan an, in dessen Rahmen sie als selbstständige Berater tätig werden. Sie kaufen die Produkte vom Unternehmen und verkaufen sie weiter – ohne Festgehalt, mit eigener steuerlicher Verantwortung. Ein Großteil des unternehmerischen Risikos verlagert sich damit auf die einzelnen Berater.
Multi-Level-Marketing wiederum ist eine Spezialform des Strukturvertriebs. Die Provision verteilt sich hier über mehrere Ebenen: Wer neue Verkäufer anwirbt, verdient anteilig an deren Umsatz mit – und diese Anteile ziehen sich durch alle Ebenen nach oben, denn auch der Anwerbende wurde einmal angeworben. Als erstes Unternehmen, das daraus eine vollständige Unternehmensstruktur baute, gilt Amway, mit Ursprüngen und Vorläufermarken wie Nutrilite in den 1930er Jahren und der eigentlichen Gründung in den 1950er Jahren in den USA; das Modell, drei Prozent des Umsatzes angeworbener Verkäufer zu vergüten, wurde 1941 eingeführt. Der zentrale Anreiz des Multi-Level-Marketings liegt im Aufbau einer sogenannten Downline: Wer genügend Menschen anwirbt, kann theoretisch ein passives Einkommen erzielen, ohne selbst noch Produkte zu verkaufen.
Die Grenzen zu illegalen Pyramiden- und Schneeballsystemen sind fließend. Rechtlich unzulässig sind etwa Kopfprämien für das bloße Zuführen neuer Mitarbeiter; strafbar wird ein Vertriebssystem, wenn bei der Werbung nicht das Produkt im Vordergrund steht, sondern ein Gewinnversprechen für den Fall, dass man selbst Verbraucher anwirbt – ein Vorgehen, das als progressive Kundenwerbung bezeichnet wird. Unseriöse Anbieter versuchen, über dieses Rekrutierungsziel hinwegzutäuschen, indem sie einen Produktverkauf vorschieben. In reinen Pyramidensystemen steht kein reales Produkt mehr im Hintergrund; da die Zahl potenzieller neuer Teilnehmer begrenzt ist, brechen solche Systeme regelmäßig in sich zusammen, sobald die unteren Ebenen niemanden mehr rekrutieren können. Dass diese Grenze auch bei etablierten Anbietern strittig ist, zeigt eine Klage des belgischen Verbraucherschutzverbands aus dem Jahr 2011 gegen den Diätprodukte-Hersteller Herbalife: Das Brüsseler Handelsgericht gab der Klage in allen Punkten recht und untersagte dem Unternehmen unter Androhung von Zwangsgeld bestimmte Verkaufspraktiken. Als Randnotiz sei erwähnt, dass dem US-Bundesstaat Utah die weltweit höchste Dichte an Multi-Level-Marketing-Unternehmen zugeschrieben wird – erklärt mit dem Familienbild der dort stark vertretenen Mormonen, engen sozialen Netzen und einer grundlegenden Skepsis gegenüber staatlicher Kontrolle; diese Angabe ist allerdings nicht unabhängig geprüft.
Geschichte und Entwicklung der IM Academy
Die IM Academy wurde 2013 unter dem Namen iMarkets von Chris und Isis Terry in den USA gegründet. Nach eigener Beschreibung bietet das Unternehmen digitale Bildungsprodukte und Dienstleistungen an, die Fähigkeiten im Verständnis von Finanzmärkten, E-Commerce und dem Handel mit Forex (Devisen), digitalen Währungen und Futures vermitteln sollen. Der Name trägt eine doppelte Bedeutung: „IM“ steht für International Markets, ist aber zugleich ein Wortspiel mit dem englischen „I am“. Auf der Website des Unternehmens findet sich eine entsprechende Liste von Selbstzuschreibungen: „I am not afraid anymore“, „I am learning“, „I am empowered“, „I am confident“, „I am building“, „I am at peace“, „I am living“, „I am changing my life“, „I am changing the world.“
Das Unternehmen ist wiederholt mit Aufsichtsbehörden in Konflikt geraten. 2018 verurteilte eine US-amerikanische Regulierungsbehörde die Firma zu 150.000 Dollar Strafe wegen unzulässiger Tradingberatung. Warnungen von Finanzbehörden liegen auch aus Kanada, Belgien, Polen und Deutschland vor. Im Mai 2022 wurden in Spanien acht führende Köpfe des dortigen Netzwerks verhaftet; mehrere Medien berichteten damals von „kultartigen Praktiken“ als Hintergrund der Ermittlungen.
Selbstverständnis und Glaubenssätze
Nach außen präsentiert sich die IM Academy als Bildungsplattform: Wer ihre Kurse besucht, könne zum Trading-Profi werden und „sein volles Potenzial entfalten“. Das Angebot ist ein reines Online-Programm. Das Gesamtpaket kostete nach dem Preisstand vom Februar 2024 einen Startpreis von 499,95 Dollar und danach 384,95 Dollar pro Abrechnungszyklus – wobei der Zyklus nicht einen Monat, sondern 28 Tage umfasst, sodass im Jahr dreizehn Zahlungen anfallen und die Jahreskosten über 5.000 Dollar liegen. Einzelne Kurse sind günstiger zu haben, etwa mit 250 Dollar Anfangszahlung und 185 Dollar pro Vier-Wochen-Zyklus, was auf 2.000 bis 2.500 Dollar im Jahr hinausläuft.
Unter dieser Oberfläche der Finanzbildung liegt eine zweite Schicht: ein Bestand an esoterisch-spirituellen Glaubenssätzen, die im Umfeld des Unternehmens eine tragende Rolle spielen. Zwei davon sind besonders markant. Das erste ist das sogenannte Law of Attraction, das „Gesetz der Anziehung“: der Glaube, dass positive oder negative Gedanken unmittelbar positive oder negative Erfahrungen in das Leben eines Menschen ziehen, weil Menschen und ihre Gedanken aus Energie bestünden und Gleiches Gleiches anziehe. Empirische Belege dafür gibt es nicht; es handelt sich um Pseudowissenschaft. Die zugehörigen Techniken – Affirmationen vor dem Spiegel, Visualisierungen der eigenen Zukunft, das Ersetzen „einschränkender“ durch „kraftvolle“ Gedanken – sind aus Selbsthilfe- und Zeitmanagement-Ratgebern vertraut; die „I am“-Sätze der IM Academy fügen sich genau hier ein. Dass ein verändertes Mindset psychologische Effekte im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung haben kann, ist damit nicht bestritten – nur eben nicht in der garantierten, quasi-gesetzmäßigen Form, die das Law of Attraction verspricht. Problematisch wird die Lehre dort, wo sie mit der Forderung verbunden ist, sich von „negativen Einflüssen“ zu trennen: Kritiker des eigenen Engagements gelten dann als Energieräuber, was bis zum Kontaktabbruch mit Freunden und Familie führen kann. In manchen Kreisen werden Mitglieder mental sogar darauf vorbereitet, dass Menschen sich von ihnen abwenden werden oder dass sie sich selbst abwenden müssen.
Der zweite Glaubenssatz ist das „Speak into existence“, die Manifestation von Gedanken: Wer den Geist verändert, verändert die Materie, denn alles sei Geist. Diese Vorstellung hat Parallelen in der Wort-des-Glaubens-Bewegung, etwa bei dem US-Prediger Kenneth Copeland, dessen Gebet nicht Bitte, sondern Forderung ist – „I demand“. Auch dieses Denken spielt im Umfeld der IM Academy eine erhebliche Rolle.
Dazu tritt ein strukturelles Heilsversprechen. Zwar wird kein Jenseits im religiösen Sinn in Aussicht gestellt, wohl aber ein Leben jenseits des Normalen: schneller, außerordentlicher Reichtum, sichtbar gemacht in den Instagram-Auftritten der mit dem Unternehmen verbundenen Influencer, die diesen Reichtum demonstrativ zur Schau stellen – und die das im Übrigen auch müssen, weil ihr eigener Verdienst davon abhängt, weitere Menschen anzuziehen und die vorhandenen bei der Stange zu halten. Die Kehrseite dieses Versprechens ist die systematische Abwertung des Durchschnitts: Ein gewöhnliches Leben ohne Luxusjacht erscheint in diesem Weltbild nicht als erstrebenswert, sondern als Zustand, dem man entkommen muss. Zufriedenheit ist demnach nur im Reichtum möglich.
Das Vergütungssystem: Ränge, Downlines, Einkommensrealität
Die IM Academy bietet neben den Kursen einen Multi-Level-Marketing-Vergütungsplan für sogenannte Independent Business Owners (IBOs) an: selbstständige Vermarkter, die nicht beim Unternehmen angestellt sind. Man kann die Kurse auch als bloßer Kunde konsumieren, doch das gesamte System ist darauf angelegt, Kunden zu IBOs zu machen und IBOs zur Rekrutierung weiterer zahlender Mitglieder zu bewegen. Die Anwerbung läuft über zwei Kanäle: über die persönlichen Kontakte der jeweiligen IBOs und über Social Media, wo Influencer und Personen mit größerer Followerschaft ihre angeblichen Erfolge teilen.
Die Anreizstruktur ist als Rangleiter organisiert, deren Stufen jeweils an die Zahl aktiv geworbener Mitglieder gekoppelt sind. Die niedrigste Stufe, Platinum 150, setzt drei aktive geworbene Mitglieder voraus und zahlt 150 Dollar pro Monat; Platinum 600 verlangt zwölf Mitglieder (600 Dollar), Platinum 1000 dreißig Mitglieder (1.000 Dollar), Platinum 2000 fünfundsiebzig Mitglieder (2.000 Dollar). Darüber beginnen die Chairman-Stufen: Chairman 10 erfordert 500 aktive Mitglieder und verspricht 10.000 Dollar monatlich, und die Leiter reicht über weitere Stufen bis Chairman 750 mit 70.000 aktiven Mitgliedern und 750.000 Dollar pro Monat – eine Zahl, die auf Veranstaltungen des Unternehmens als erreichbares Ziel präsentiert wird, dokumentiert etwa durch eine Präsentationsfolie, über die der österreichische Standard berichtete. Auffällig ist, dass die Auszahlung pro geworbenem Mitglied mit steigendem Rang sinkt – von rund 50 Dollar pro Mitglied auf der untersten Stufe auf etwa 10 Dollar auf der höchsten. Je größer eine Downline, desto profitabler wird sie relativ gesehen für das Unternehmen selbst; der Aufstiegsdruck liegt also auch im Interesse der Firma. Entscheidend ist zudem das Wort „aktiv“: Die geworbenen Mitglieder müssen dauerhaft zahlen – mindestens rund 200 Dollar pro Vier-Wochen-Zyklus –, sonst fällt der Werbende aus seiner Stufe heraus. Wer seinen Rang halten will, muss deshalb kontinuierlich dafür sorgen, dass seine Downline nicht abspringt.
Wie sich diese Versprechen zur Realität verhalten, zeigt das Income Disclosure Statement, das Multi-Level-Marketing-Firmen in den USA veröffentlichen müssen. Die Zahlen für 2022 sind ernüchternd: 79,37 Prozent der IBOs erhielten innerhalb von zwölf Monaten weniger als 500 Dollar ausgezahlt – wohlgemerkt pro Jahr, nicht pro Monat, und dies bei laufenden Mitgliedsgebühren von mindestens etwa 185 Dollar pro Zyklus. Weitere 9,9 Prozent lagen zwischen 500 und 1.500 Dollar Jahresauszahlung (Median: 810 Dollar), weitere 6,4 Prozent zwischen 1.500 und 5.000 Dollar (Median: 2.500 Dollar) – auch das, nach Abzug der Gebühren und vor Steuern, ein Verlustgeschäft oder bestenfalls ein Nullsummenspiel. Erst ein verschwindend kleiner Anteil von 0,27 Prozent erreichte Jahresauszahlungen zwischen 25.000 und 50.000 Dollar (Median: rund 32.000 Dollar) – für Selbstständige, die davon Steuern, Kranken-, Renten- und Urlaubsrücklagen bestreiten müssen, kaum ein auskömmliches Einkommen. Die absoluten Topverdiener machen 0,04 beziehungsweise 0,03 Prozent aus. Rechnet man die Verlustbereiche zusammen, machen 96 bis 97 Prozent der erfassten IBOs mit ihrer Beteiligung Verlust.
Diese Statistik untertreibt das Problem noch, denn sie erfasst nur IBOs, die überhaupt Auszahlungen erhalten – also mindestens drei Personen geworben haben. Nach der Schätzung eines ehemaligen Mitglieds betrifft das womöglich nur ein Drittel der Beteiligten; zwei Drittel zahlen nur ein und tauchen in der Statistik gar nicht auf. Hinzu kommt eine geographische Verzerrung: Firmensitz und Topverdiener konzentrieren sich in den USA, was den dortigen Einkommensdurchschnitt gegenüber anderen Ländern nach oben zieht. Auf der anderen Seite der Bilanz stehen für das Unternehmen überschaubare Kosten: Die Onlinekurse sind vorproduziert, hinzu kommen regelmäßige Calls, Seminare, Events und Werbung.
Auch das beworbene Kernprodukt selbst trägt das Versprechen nicht. Das Trading, wie es die IM Academy vermarktet, ist ein Hochrisikogeschäft, bei dem die meisten Menschen erhebliche Verluste bis hin zum Totalverlust ihrer Einsätze erleiden – besonders dann, wenn sie auf schnelles Geld aus sind, was genau der Erwartung entspricht, mit der das Unternehmen wirbt. Zeitweilige Gewinnphasen können Euphorie erzeugen, ändern aber nichts an der langfristigen Bilanz. Mit seriösen, risikoarmen Anlageformen wie breit gestreuten Aktienfonds hat das nichts zu tun. Aussteiger berichten, im Ergebnis praktisch alles verloren zu haben, was sie investiert hatten.
Praxis und Binnenkultur
Die Veranstaltungen der IM Academy gleichen in ihrer Inszenierung Großevents freikirchlicher Prägung: Redner auf der Bühne, jubelndes Publikum, tausende Menschen in großen Hallen – dokumentiert etwa in Recap-Videos von Events in Zagreb und Budapest. Dort wird den Teilnehmenden die Chance auf die Chairman-Stufen und das damit verbundene passive Einkommen in Aussicht gestellt.
Aussteiger und Beobachter beschreiben darüber hinaus Mechanismen, die aus konfliktträchtigen religiösen Gruppen bekannt sind. Berichtet wird von Love Bombing: Neue Mitglieder werden mit Aufmerksamkeit, Anerkennung und einem starken Gemeinschaftsgefühl überschüttet – ein Sog, der besonders auf Menschen wirkt, die etwa nach einem Umzug ohne soziales Umfeld sind. Zugleich findet eine Abschottung von kritischen Stimmen statt. Ein ehemaliges Mitglied beschreibt es so: „Da wirst du den ganzen Tag zugeballert, alles wird hundert Mal wiederholt, und du siehst nur Erfolg.“ Wer selbst keinen Erfolg hat, hält sich für den Einzelfall – und weiß nicht, dass es fast allen anderen genauso geht, weil nur Bruchteile eines Prozents tatsächlich verdienen. Vollständig durchschauen können das System nur die Führungsfiguren an der Spitze; je höher der Rang, desto größer das Wissen, aber auch desto größer der Verdienst und die investierten Kosten – und desto schwerer fällt das Eingeständnis, sich verrannt zu haben.
Der Druck ist strukturell eingebaut: Da Ränge nur durch dauerhaft zahlende Downlines gehalten werden, führen Team-Leader regelmäßige Calls durch, in denen Mitglieder zum Weiterzahlen und Dabeibleiben angehalten werden – ihr eigenes Einkommen hängt daran. Ein Besucher einer Veranstaltung schilderte gegenüber tagesschau.de, auf der Bühne hätten Menschen jungen Leuten Reichtum versprochen und mit psychologischen Motivationssprüchen um sich geworfen; es habe enormer Druck geherrscht: „In jeder Pause und in den Tagen danach fragten Mitglieder nach, ob ich nicht auch beitreten möchte.“ Er trat nicht bei – und verlor über diese Entscheidung Freunde.
Wie stark das System das Leben der Beteiligten absorbieren kann, zeigt der Bericht eines Aussteigers im Podcast „Wild Wild Web“ des Bayerischen Rundfunks: Er habe nachts kaum länger als eine Stunde am Stück geschlafen, weil er permanent die Kurse auf dem Handy kontrollierte – die internationalen Börsen erlauben eine Beschäftigung rund um die Uhr. Ein Leben außerhalb der Academy und des Tradens habe faktisch nicht mehr stattgefunden. Susanne Schaaf von der Schweizer Sektenberatungsstelle infoSekta beschreibt für Multi-Level-Marketing-Unternehmen generell dasselbe Muster aus der Angehörigenperspektive: „Wir haben es in der Beratung vor allem mit Angehörigen zu tun, die eine Verhaltensveränderung feststellen. Die Leute engagieren sich stark, verbringen sehr viel Zeit mit den neuen Kollegen und sind auf das Thema fixiert, bis hin zum Euphorischen, Fanatischen.“ Heikel werde es, „wenn schnelles Geld versprochen wird und von universalen Veränderungen auf allen Ebenen die Rede ist“, und die Alarmlampen sollten aufleuchten, „wenn die Aufforderung, neue Mitglieder anzuwerben, einen großen Anteil einnimmt“. Die deutsche Finanzaufsicht BaFin warnt vor Online-Finanzakademien, die gerade junge Erwachsene und sogar Minderjährige mit der Aussicht auf schnelles Geld locken und im Gegenzug monatliche Gebühren verlangen; Verluste seien möglich, der Erfolg fraglich.
Dass die verpflichtenden Offenlegungen ein Korrektiv sein können, aber genau gelesen werden müssen, zeigt der Vergleichsfall Forever Living, ein US-Vertrieb für Kosmetika und Nahrungsergänzungsmittel, der ebenfalls häufig als mutmaßliches Schneeballsystem in der Kritik steht. Dessen Disclosure Statement räumt offen ein, dass 89,8 Prozent der Käufer keine nennenswerte Vergütung erhalten. Die anschließend genannten Prozentwerte beziehen sich jedoch jeweils auf immer kleinere Teilgruppen: „41,4 Prozent“ mit mehr als 500 Dollar Jahresverdienst sind 41,4 Prozent von 10,2 Prozent – also gut 4 Prozent aller Beteiligten; die „69 Prozent“ mit durchschnittlich 111 Dollar Monatsverdienst wiederum beziehen sich auf diese 4 Prozent, entsprechen also unter 3 Prozent des Gesamts. Die Bezugsgrößen verschieben sich von Satz zu Satz, ohne dass dies auf den ersten Blick erkennbar wäre.
Kritische Einordnung
Der schwerwiegendste Befund betrifft die Verschiebung des Geschäftszwecks. Alles deutet darauf hin, dass es der IM Academy nicht primär um den Absatz ihres nominellen Produkts geht, sondern um die Erhöhung der Teilnehmerzahl im System: Die Rangstruktur belohnt ausschließlich Rekrutierung, die Events fordern explizit zum Aufstieg in die Chairman-Stufen auf, und der Aufstieg funktioniert allein über neue zahlende Mitglieder. Das trägt deutliche Züge eines Schneeball- beziehungsweise Pyramidensystems; ob die Konstruktion die Schwelle zur Illegalität überschreitet – etwa weil die rangabhängigen Zahlungen faktisch wie verbotene Kopfprämien wirken –, ist eine juristische Frage, die hier nicht entschieden werden kann. Festzuhalten ist: Behördliche Sanktionen und Warnungen in mehreren Ländern liegen vor, ein Gerichtsurteil zur Systemfrage jedoch nicht.
Klar belegt ist dagegen das Missverhältnis zwischen Versprechen und Realität, und zwar aus den eigenen Zahlen des Unternehmens: Rund 96 bis 97 Prozent der erfassten IBOs machen Verlust, die beworbenen Spitzenverdienste erreichen Promillebruchteile – während auf den Bühnen suggeriert wird, dieser Reichtum stehe jedem offen. Hinzu kommen die dokumentierten Mechanismen der Binnenkultur: Love Bombing, Dauerbeschallung mit Erfolgsbildern, Abschottung gegen Kritik bis hin zum Verlust von Freundschaften, permanenter Zahlungs- und Rekrutierungsdruck durch die Leader-Struktur, und eine Stufenleiter, die an Erleuchtungsgrade erinnert – die Parallele zu den OT-Stufen der Scientology-„Brücke zur Freiheit“ drängt sich auf, zumal jeder Rang den Verdienst seines Trägers öffentlich sichtbar macht und damit Status erzeugt. Das Ganze wird zusammengehalten von einem Geschäft mit der Hoffnung: der Aussicht, irgendwann den großen Wurf zu machen, für die man dauerhaft teure Beiträge zahlt. Wo Geld zur letztgültigen Bewertungsinstanz wird, verändert sich schließlich auch der Blick auf Menschen: Beziehungen werden daraufhin taxiert, ob sie sich lohnen – eine Dynamik, die soziale Bindungen zersetzen kann. Verschärfend wirkt das Social-Media-Umfeld: Die scheinbar unbegrenzte Reichweite lässt die Rekrutierungsziele erreichbar erscheinen, und der ständige Vergleich mit inszenierten Luxusleben nährt Unzufriedenheit mit dem eigenen, vermeintlich nur durchschnittlichen Leben.
Zur Fairness gehört, den Befund zu begrenzen. Ein reales Produkt existiert: Die Kurse werden tatsächlich produziert und geliefert, und niemand ist gezwungen, IBO zu werden – die reine Kursteilnahme ist möglich. Affirmations- und Visualisierungstechniken können, jenseits ihrer esoterischen Überhöhung, psychologische Effekte haben und finden sich auch in unverdächtigen Selbsthilfekontexten. Die Einkommensdaten werden – weil gesetzlich erzwungen – immerhin veröffentlicht und sind im Fall der IM Academy vergleichsweise übersichtlich aufbereitet. Und das Grundprinzip des Empfehlungsverkaufs ist für sich genommen legitim und alt. Die Kritik richtet sich nicht gegen den Direktvertrieb als solchen, sondern gegen ein System, dessen ökonomische Logik fast alle Beteiligten zu Verlierern macht und das diese Tatsache hinter Reichtumsversprechen verbirgt.
Fazit
Die IM Academy ist keine religiöse Gemeinschaft, weist aber in Struktur und Wirkung deutliche Parallelen zu konfliktträchtigen, vereinnahmenden Gruppen auf: ein diesseitiges Heilsversprechen, hierarchische Aufstiegsstufen mit Statusfunktion, Love Bombing, Abschottung gegen Kritik, Kontaktabbrüche, permanenter Binnendruck und ein Geschäftsmodell, das von der Hoffnung der unteren Ebenen lebt. Der Begriff „Sekte“ ist hier im strukturellen, nicht im religiösen Sinn brauchbar: als Bezeichnung für eine Organisation, die ihre Mitglieder ideologisch und sozial vereinnahmt, Kritik systematisch abwehrt und Abhängigkeiten schafft. Die eigenen Offenlegungszahlen des Unternehmens belegen, dass die beworbenen Verdienstchancen für die große Mehrheit illusorisch sind; das vermarktete Trading ist ein Hochrisikogeschäft mit hoher Wahrscheinlichkeit des Totalverlusts. Vor einem finanziellen Engagement bei der IM Academy ist deshalb nachdrücklich zu warnen. Zugleich zeigt der Fall exemplarisch, dass sektenhafte Strukturen keine religiöse Ideologie benötigen – Heilsversprechen, Erwählungsrhetorik und Vereinnahmung funktionieren auch im Gewand eines Wirtschaftsunternehmens. Wer mit einem Multi-Level-Marketing-Unternehmen mit US-Sitz in Kontakt kommt, kann dessen verpflichtendes Income Disclosure Statement heranziehen, um Werbeversprechen an der Realität zu messen – sollte dabei aber auf die Bezugsgrößen der angegebenen Prozentwerte achten. Generell gilt: Skepsis ist angebracht, wo unrealistisch klingende Versprechen, universale Veränderungszusagen und die Aufforderung zur Mitgliederwerbung zusammenkommen.