Wiki

Bund für Deutsche Gotterkenntnis (Ludendorff) e. V.

Herkunft, Lehre und gegenwärtige Struktur einer völkisch-religiösen Weltanschauungsgemeinschaft

Gegründet
1935 unter diesem Namen (Vorläufer: Tannenbergbund, September 1925; Verein Deutschvolk, 1930); Wiedereintragung ins Vereinsregister 1946
Gründung durch
Erich Ludendorff (1865–1937) und Mathilde Ludendorff (1877–1966)
Ursprung
Deutschland, Ausgangspunkt München/Bayern
Größe
nach eigenen Angaben rund 12.000 Mitglieder; behördliche Schätzung etwa 240 Aktive
Auch bekannt als
Ludendorff-Bewegung, Haus Ludendorff, Deutsche Gotterkenntnis, Verein Deutschvolk, Tannenbergbund, Weltanschauungsgemeinschaft Gotterkenntnis (Mathilde Ludendorff) e. V.

Der Bund für Deutsche Gotterkenntnis (Ludendorff) e. V. ist eine kleine, nach außen weitgehend abgeschottete Weltanschauungsgemeinschaft, die sich auf die Schriften Mathilde Ludendorffs (1877–1966) beruft und vom Verfassungsschutz als rechtsextrem und antisemitisch eingestuft und beobachtet wird. Die folgende Darstellung stützt sich auf die Selbstdarstellung des Vereins im Internet, auf Primärtexte Erich und Mathilde Ludendorffs, auf einen ausführlichen recherchierten Beitrag Timo Büchners für die Heinrich-Böll-Stiftung Baden-Württemberg sowie auf Einschätzungen der Historiker Uwe Puschner und Anna Spielter. Da der Verein Öffentlichkeit meidet, ist die Quellenlage für die Gegenwart deutlich dünner als für die Geschichte der Bewegung.

Herkunft: die völkische Bewegung

Der Bund geht aus der völkischen Bewegung hervor, die in den 1890er Jahren zunächst im deutschsprachigen Teil des Habsburgerreiches, rasch aber auch im Deutschen Reich entstand. Von einer Bewegung lässt sich nur in einem sehr offenen Sinn sprechen: Es handelte sich um eine Vielzahl kleiner Gruppen, die bis zum Ersten Weltkrieg an teils erheblich voneinander abweichenden Entwürfen arbeiteten.

Gemeinsam war ihnen die Überhöhung der eigenen Nation beziehungsweise der eigenen „Rasse“ — der Begriff wird hier durchgängig als historische Quellenkategorie und nicht als Sachbegriff verwendet — samt dem Kampf um deren „Reinhaltung“, verbunden mit Ethnozentrismus und sozialdarwinistischen Vorstellungen. Dazu trat die Annahme, jede „Rasse“ bringe eigene Werte, Institutionen und eine eigene, ihr naturgegebene Religion hervor. Gerade in der Religionsfrage kam die Bewegung zu keiner gemeinsamen Antwort; die Ludendorff-Bewegung ist eine unter mehreren Lösungsversuchen. Hinzu kamen ein von Beginn an brutaler Antisemitismus, der in Teilen schon vor 1914 Vernichtungsphantasien einschloss, ein Anti-Romanismus mit Feindschaft gegen die katholische Kirche — viele Aktive kamen aus protestantischem Milieu — und eine weitreichende Ablehnung der Moderne von der Industrialisierung über die Massengesellschaft bis zu Liberalismus, Demokratie und Parlamentarismus.

Der ideologische Kern des Nationalsozialismus baut fast vollständig auf diesen Vorstellungen auf; mit Alfred Rosenberg kam einer der führenden NSDAP-Ideologen aus der völkischen Bewegung. Abweichungen gibt es dort, wo die NSDAP gerade auf die von vielen Völkischen abgelehnte Massenmobilisierung setzte, und in der Religions- und Kirchenpolitik. Genau diese Differenz wird für die Ludendorff-Bewegung bestimmend.

Organisatorisch führt eine Linie vom Alldeutschen Verband über den 1919 gegründeten Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund. Dieser wuchs in der Umbruchphase nach dem Ersten Weltkrieg — bürgerkriegsähnliche Zustände, Inflation, verbreitete Orientierungslosigkeit — von rund 25.000 Mitgliedern in 85 Ortsgruppen (Ende 1919) auf fast 200.000 Mitglieder in über 600 Ortsgruppen (1922) und war damit die größte völkisch-antisemitische Organisation der frühen Weimarer Republik. Er verlangte einen „Ariernachweis“, führte das Hakenkreuz als Vereinssymbol, betrieb Rassetheorie und „Deutschkunde“, veranstaltete Sonnenwendfeiern und Jugendwanderungen und versammelte sich jährlich zum „Deutschen Tag“. Seine Hauptaktivität war geschichtsrevisionistische und antisemitische Propaganda — allein 1920 über sieben Millionen Flugblätter —, zu deren festem Bestand die Behauptung einer jüdischen Weltherrschaftsverschwörung unter Berufung auf die nachweislich gefälschten „Protokolle der Weisen von Zion“ gehörte. Spätere NS-Funktionäre wie Julius Streicher bauten hier ihre Netzwerke auf.

Geschichte und Entwicklung

Erich Ludendorff (geb. 1865) war im Ersten Weltkrieg Generalquartiermeister und Stellvertreter Paul von Hindenburgs in der Dritten Obersten Heeresleitung, mit maßgeblichem Einfluss auf Kriegführung und Politik, unter anderem bei der Tannenbergschlacht und der gescheiterten Frühjahrsoffensive 1918. Er gehörte zu denen, die die Dolchstoßlegende nicht nur verbreiteten, sondern in Umlauf brachten — jene Verschwörungserzählung, die die militärische Niederlage nicht dem Heer, sondern der Sozialdemokratie, demokratischen Politikern und dem „bolschewistischen Judentum“ anlastete. Nach 1918 schloss er sich aktiv der völkischen Bewegung an, beteiligte sich am Kapp-Lüttwitz-Putsch 1920 und am Hitler-Ludendorff-Putsch 1923 und versuchte während Hitlers Haft, die völkischen Strömungen unter seiner Führung zu einigen. Nach Hitlers Haftentlassung 1924 wurde aus der Kooperation Konkurrenz.

Dieser Bruch ist für die Selbstdarstellung des heutigen Bundes zentral: Auf seiner Internetseite gehören „Kampf gegen die NS-Diktatur“ und „Verfolgung in der NS-Diktatur“ zu den Leitbegriffen der eigenen Geschichte. Dass Ludendorff gegen Hitler kämpfte, trifft zu; die daraus abgeleitete Suggestion einer ideologischen Fundamentalopposition trifft nicht zu. Ludendorff war ebenso Rassist und Antisemit wie Hitler; der Konflikt war ein Machtkampf im selben Lager. Diese Unterscheidung entscheidet über die gesamte Einordnung der Gruppe.

Mathilde Ludendorff, geboren 1877 als Mathilde Spieß, Pfarrerstochter, ausgebildete Lehrerin und promovierte Medizinerin (1913), arbeitete ab 1915 als Nervenärztin in Garmisch-Partenkirchen und wandte sich ab 1916 der Philosophie zu. Aus biologischen Entwicklungslehren und einer rassistisch und antisemitisch grundierten Weltanschauung entwickelte sie eine deutsch-völkische Glaubenslehre. Nach dem Tod ihres ersten Mannes (1917) und einer 1921 geschiedenen zweiten Ehe nahm sie um 1920 Kontakt zur völkischen und zur nationalsozialistischen Bewegung auf; eine Begegnung mit Hitler soll ohne Ergebnis geblieben sein. 1923 lernte sie über Gottfried Feder, den Verfasser des NSDAP-Programms, Erich Ludendorff kennen und heiratete ihn im selben Jahr in Tutzing. Um das Paar — in der Forschungsliteratur als „Haus Ludendorff“ bezeichnet — bildete sich mit etwa 10.000 bis 15.000 Anhängern eine der bekannteren Gruppierungen der völkischen Szene.

Organisatorische Keimzelle aller späteren Vereinsgründungen ist der im September 1925 unter Ludendorffs Schirmherrschaft gegründete Tannenbergbund, faktisch sein persönliches Instrument. Er sollte alle extrem rechten und völkischen Gruppen einen und ein Gegengewicht zur neu gegründeten NSDAP bilden; propagiert wurden ein Revanchekrieg gegen Frankreich und die „Gewinnung von mehr Raum für unser zusammengepresstes deutsches Volk“. Die veröffentlichten Kampfziele zeigen die ideologische Nähe zum Nationalsozialismus: Brechung der „jüdischen Zinsknechtschaft“, „Entjudung“ von Staat und Wirtschaft, Verhinderung der „Rasseschande“. Sie zeigen zugleich die Bruchlinie: Dem Haus Ludendorff war die NSDAP kirchenpolitisch zu lasch. Gefordert wurde ein strikt antikirchlicher und antiklerikaler Kurs, unter anderem weil die Kirchen das Alte Testament weiterhin als Heilige Schrift lasen. Über diesen Kurs verlor der Tannenbergbund Verbände an die NSDAP.

1929 gründete das Haus Ludendorff die Ludendorffs Verlag GmbH in München; Presseorgan wurde die Zeitschrift „Ludendorffs Volkswarte“ mit dem Untertitel „Sieg der Wahrheit, der Lüge Vernichtung“. 1930 folgte der Verein Deutschvolk, der Mathilde Ludendorffs Lehre einen institutionellen Rahmen geben und als Religionsgemeinschaft im Sinne der Weimarer Reichsverfassung anerkannt werden sollte; er legte besonderen Wert auf Kinder- und Jugenderziehung und gab die Zeitschrift „Am Heiligen Quell Deutscher Kraft“ heraus.

Am 22. September 1933 verboten die Nationalsozialisten Tannenbergbund und Deutschvolk — nicht als weltanschauliche Opposition, sondern als Konkurrenten im eigenen Feld. Die „Volkswarte“ wurde verboten, „Am Heiligen Quell Deutscher Kraft“ nicht; die Publikationstätigkeit lief weiter, in deutlich gemäßigterem Ton gegenüber der NSDAP. In der Folge näherten sich beide Seiten wieder an. Nach einer Aussprache zwischen Erich Ludendorff und Hitler am 30. März 1935 erlaubte Hitler die Gründung eines nationalreligiösen Vereins: So entstand der Bund für Deutsche Gotterkenntnis, dessen Lehre als mögliche Konfession im nationalsozialistischen Staat anerkannt wurde. Der Verein, der sich heute über seine Verfolgung definiert, verdankt seinen Namen und seine rechtliche Existenz mithin einer Genehmigung Hitlers. Erich Ludendorff starb am 20. Dezember 1937 und erhielt in München ein Staatsbegräbnis — gegen seinen und Mathilde Ludendorffs ausdrücklichen Willen, worauf der Bund bis heute Wert legt.

Wenige Monate nach den Novemberpogromen 1938 erschien der Sammelband „Die Judenmacht, ihr Wesen und Ende“, der Artikel beider Ludendorffs aus den 1920er und 1930er Jahren bündelt; die Historikerin Anna Spielter bezeichnet ihn als publizistischen Höhepunkt der antisemitischen Polemik Mathilde Ludendorffs. Der Befund ist am Text selbst abzulesen. Dort heißt es: „Des Juden religiöses Ziel ist ein politisches: die Unterjochung und Enteignung aller Völker.“ Christen erscheinen als „künstliche Juden“, die dieses Ziel stützten. Gefordert wird ein „volkrettender Antisemitismus“; es sei „hohe Zeit, den Antisemitismus ethisch in der Seele jedes Deutschen tief zu untermauern“. Am Ende der Einleitung steht die Mahnung, „das Unheil [zu] verhüten, dass unser Volk auf halbem Wege innehält“ und „die Judenfrage als erledigt anzusehen“ — verbunden mit der ausdrücklichen Feststellung, diese Einsicht mindere „wahrlich nicht die Wertung dessen, was in den letzten Jahren verwirklicht wurde“. Das ist wenige Monate nach den Pogromen zugleich Zustimmung zum Geschehenen und Forderung nach mehr. In einem Aufsatz „Sinnvoller Abwehrkampf gegen Juden“ heißt es weiter, der Jude müsse „ohnmächtig dem Volk gegenüber gemacht werden durch deutsches Rassebewusstsein und deutsche Gotterkenntnis, deutsche Kultur und deutsche Wirtschaft“; Pogromen wird dabei nicht aus humanitären Gründen widersprochen, sondern weil sie als untauglich für die „wahrhafte Überwindung“ gelten. 1960 bezeichnete der „Spiegel“ Mathilde Ludendorff als „Urgroßmutter des deutschen Antisemitismus“.

Nach 1945 verboten die Alliierten den Bund; bereits 1946 wurde ein Verein unter dem heutigen Namen ins Vereinsregister eingetragen. Ein Entnazifizierungsgutachten von 1949 hielt fest, Mathilde Ludendorff sei „vom Judenhass geradezu besessen“ gewesen, und kritisierte scharf, dass sich ihre Anhängerschaft erneut organisieren könne. Im selben Jahr gründete ihr Schwiegersohn den Verlag Hohe Warte in Stuttgart, im Oktober 1949 erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift „Der Quell“, 1961 verboten und durch „Mensch und Maß“ abgelöst. Die Münchner Spruchkammer stufte Mathilde Ludendorff 1950 als Hauptschuldige ein; im Berufungsverfahren wurde das Urteil im Januar 1951 auf „belastete Aktivistin“ abgemildert, verbunden mit der Abgabe der Hälfte ihres Vermögens, dem Großteil der Prozesskosten und dem Verbot, öffentliche Ämter zu bekleiden oder als Lehrerin, Predigerin oder Schriftstellerin tätig zu sein. Am 15. Mai 1961 verbot das bayerische Innenministerium Bund und Verlag — das Netzwerk hatte damals knapp 4.000 Mitglieder —, die übrigen westdeutschen Länder zogen binnen Tagen nach. Es folgten 23 Verfahren gegen Innenministerien und Regierungspräsidien, in denen Verwaltungsgerichte den Beschwerden teilweise stattgaben — das Verwaltungsgericht Stuttgart etwa verneinte die Befugnis Baden-Württembergs, einen Verein mit Sitz in Bayern zu verbieten. Erst 1976 hob das Bundesverwaltungsgericht das Verbot auf. Während der Verbotszeit diente die 1970 gegründete und Anfang der 1980er Jahre wieder aufgelöste Weltanschauungsgemeinschaft Gotterkenntnis (Mathilde Ludendorff) e. V. als Ersatzstruktur. Mathilde Ludendorff starb am 12. Mai 1966 in Tutzing.

Lehre: „Todesmuss“, Volksseele und „arteigenes Gotterleben“

Nach seiner Satzung von 2014 verfolgt der Bund das Ziel, „die religionsphilosophischen Einsichten der Gotterkenntnis Mathilde Ludendorffs unter allen Menschen, die dafür aufgeschlossen sind, durch Wort und Schrift zu verbreiten und in der Gemeinschaft zu pflegen“. Bezugstexte sind zwölf zwischen 1919 und 1962 erschienene Werke, darunter „Triumph des Unsterblichkeitswillens“ (1921) und die Trilogie „Der Seele Ursprung und Wesen“ (1923–1927). Mathilde Ludendorff wird durchgängig als „die Philosophin“ geführt.

Der Glaube an einen persönlichen Gott wird abgelehnt, ebenso das Christentum. Religionskritik ist als solche unauffällig; entscheidend ist hier die Begründung. Ludendorff lehnt das Christentum ab, weil dessen Schriften „rein jüdisch“ seien und deshalb eine fremde, dem eigenen Volk gefährliche Gotterkenntnis vermittelten. Die Ablehnung ist damit nicht religionsphilosophisch, sondern antisemitisch begründet.

Das Zentrum der Lehre bildet das „Todesmuss“, die Notwendigkeit des Todes. In der Darstellung des Bundes habe die Evolution mit dem Einzeller ein potenziell unsterbliches Lebewesen hervorgebracht; das Ziel der Schöpfung — ein Wesen, das Gott bewusst erleben kann — sei damit aber nicht erreicht gewesen. Mit der Teilung in Körper- und Keimzellen und dem Auftreten der Mehrzeller sei der Tod in die Welt gekommen, als Preis der Weiterentwicklung. Erst das Wissen um die eigene Begrenztheit treibe die seelische Entwicklung des Menschen an; endloses Leben werde zur Qual und schränke die Vielfalt ein. Der Tod erhält so einen göttlichen Sinn: Er dient der Erhaltung der Mannigfaltigkeit göttlichen Erlebens.

Der entscheidende Schritt erfolgt beim Übergang vom Einzelnen zum Kollektiv. Völker unterliegen dem Todesmuss nach dieser Lehre nicht; sie können unsterblich sein, sofern sie nicht durch Krankheit, Gewalt, Unfall oder Aussterben untergehen. Völker gelten als Schicksalsgemeinschaften, die neben dem äußeren Band der Geschichte durch ein inneres, seelisches Band verbunden seien: ein „gemeinsames unterbewusstes Erbgut“ oder eine Volksseele, die Wahrnehmen, Denken, Fühlen und Handeln „beeinflusst und berät“ und sich in Ahnungen, Instinkten und in kollektiven Momenten zeige — der Bund nennt als Beispiele den Fall der Mauer und den Kriegsbeginn 1914. Aus diesem Erbgut werden auch nationale Charakterunterschiede abgeleitet. Die Formulierungen der Selbstdarstellung sind dabei nur scheinbar deskriptiv: Wenn es heißt, für die einen sei „die Bewahrung der persönlichen Ehre das höchste Gut“, während „der andere sich lieber beugt, um zu überleben“, ist die Hierarchisierung in der Beschreibung bereits enthalten, ohne ausgesprochen zu werden.

Kultur entspringt nach dieser Lehre zwei Quellen: dem unterbewussten Erbgut — daher Volkslieder, Trachten, Dichtung, Architektur, Sitten — und dem unmittelbaren Erleben des Göttlichen, das auch über Kulturgrenzen hinweg nachvollziehbar sei. Griechische Tempel, germanische heilige Haine, gotische Dome, asiatische Pagoden und Moscheen erscheinen als Ausdrucksformen unterschiedlichen „Gotterlebens“: „Jedes Volk erlebt bestimmte Wesenszüge des Göttlichen besonders innig.“ Daraus folgt die zentrale ethische Konsequenz: Stirbt ein Volk, verschwindet unwiederbringlich eine Ausdrucksform des Göttlichen — „daher hat jeder Mensch eine Doppelaufgabe in seinem Leben: Volkserhaltung und Gotterhaltung.“ Der Name der Gemeinschaft ist damit Programm: Es geht um die Bewahrung des deutschen Volkes als Träger einer eigenen, unvertretbaren Gotterkenntnis.

Nach außen präsentiert sich das als Pluralismus und Vielfaltsschutz. Der Sache nach ist es Ethnopluralismus: die Vorstellung, jedes Volk habe seine Daseinsberechtigung, müsse aber unter sich und „rein“ bleiben. Das allein wäre bereits problematisch. Die Primärquellen gehen jedoch darüber hinaus. In der Schrift „Selbstschöpfung“ (1927) unterscheidet Mathilde Ludendorff zwischen „Edelrassen“ beziehungsweise „Lichtgeborenen“ — vor allem der „nordischen Rasse“ — und „Niederrassen“ oder „Schattengeborenen“, worunter sie insbesondere die „jüdische Rasse“ fasst. Jede „Rasse“ besitze zwar die Fähigkeit zum eigenen Gotterleben, die „Edelrassen“ stünden der Gotterkenntnis aber näher; die „Niederrassen“ forcierten die „Rassemischung“ und bedrohten so die Eigenart des Gotterlebens. Die vermeintlich gleichrangige Vielfalt ist damit intern klar hierarchisiert.

Dieselbe Struktur zeigt der im Umfeld gepflegte Begriff des „Esausegens“. Er bezieht sich auf Gen 27,39f., den zweiten Segen Isaaks für den um das Erstgeburtsrecht betrogenen Esau, der endet: „du wirst dich aufmachen und sein Joch von deinem Halse reißen“. In einem 1952 in „Der Quell“ veröffentlichten Brief deutet Mathilde Ludendorff Jakob als das jüdische Volk und Esau als alle nichtjüdischen Völker und bezieht den Segen auf sich und ihren verstorbenen Mann: Sie hätten „in der Judenfrage nie ein Wort geschrieben oder gesprochen, das etwas anderes gewesen wäre als das Abschütteln des Joches Jakobs von unserem Halse mit dem Ziele, auch Herr zu sein“. Der Antisemitismus wird hier nicht nur biblisch legitimiert, sondern den religiösen Juden zugeschrieben: Ihr eigener Gott habe die Befreiung der anderen Völker von ihnen verheißen. Ein biblisch klingender, positiv besetzter Begriff verdeckt so eine Verschwörungserzählung von jüdischer Herrschaft — nach 1945 und nach der Schoa formuliert.

Praxis, Struktur und Umfeld

Nach eigenen Angaben hat der Bund rund 12.000 Mitglieder; Behörden gehen von etwa 240 Aktiven aus, geschätzt anhand der Teilnahme an Veranstaltungen. Beide Zahlen sind unsicher, weil Mitgliedschaft und Sympathisantenschaft schwer abzugrenzen sind. Fester Bezugspunkt ist die jährliche Ostertagung von Karfreitag bis Ostermontag in Dorfmark (Niedersachsen) mit 100 bis 300 Teilnehmenden. Die Veranstaltungen folgen nach Angaben des Vereins „dem Jahreslauf der Natur“ — Ostern, Sommer- und Wintersonnenwende —, dazu kommen Kulturtagungen und Familientreffen.

Treffender als der Vereinsbegriff ist die Beschreibung als bundesweites Netzwerk aus Vereinen, Unternehmen und Immobilien, das die Öffentlichkeit weitgehend meidet. Seit spätestens 2010 werden eigene Veranstaltungen nicht mehr in der Verbandszeitschrift angekündigt, sondern nur noch intern beworben; Interessierte werden auf Kontaktaufnahme per „E-Post“ verwiesen. Nach außen wirken die Anhängerinnen und Anhänger unauffällig — sie arbeiten als Ärzte, Ingenieure, Pädagoginnen, Rechtsanwältinnen, Unternehmerinnen —, erkennbar allenfalls an altdeutschen Vornamen und an Trachten bei Veranstaltungen. Die meisten werden in die Strukturen hineingeboren; die Lehre wird in Ferienlagern, Schulungen und Tagungen weitergegeben.

Zu den zentralen Einrichtungen zählen der Verlag Hohe Warte in Bayern, der seit 1961 monatlich die Zeitschrift „Mensch und Maß“ mit einer Auflage von rund 2.000 Exemplaren herausgibt und als wichtigstes Vertriebsorgan gilt; die 1967 gegründete Ludendorff-Gedenkstätte e. V. für Grabstelle und Villa in Tutzing; der 1969 gegründete Arbeitskreis für Lebenskunde in Bad Segeberg, zuständig für Kinder- und Jugenderziehung; die 2010 gegründete Seminar- und Ferienhof GmbH in Brandenburg an der Havel; sowie die Lühe Verlag GmbH in Schleswig-Holstein. Als einzige eigene Immobilie erscheint das Jugendheim Hohenlohe in Kirchberg an der Jagst, 1972 erworben und seit 1973 für Herbsttagungen und Sonnwendfeiern genutzt.

Die inhaltliche Ausrichtung dieser Einrichtungen ist wenig verdeckt. Der „Lehrplan der Lebenskunde für Deutschland“ (1932) gliedert sich in fünf Gebiete — deutsches Charaktervorbild und deutsche Charakterschwächen, Moral des Lebens, Volksgemeinschaft und Pflichtenkreis, Selbst- und Volkserhaltung, Weltall und Naturgesetze — und soll nicht frontal, sondern in freier Natur vermittelt werden, um eine „innige Gemütsverwebung mit der Natur“ zu erreichen; bereits im ersten Lehrgebiet wird der Schüler „für die edelsten Tugenden seines Rasse-Erbgutes im Gemüte begeistert“. Im Verlag Hohe Warte erschien etwa Wolfgang Seegers „Ausländerintegration ist Völkermord“, dessen Vorwort von einer „biologischen Zersetzung“ der Völker Europas und einem „verfeinerten Völkermord größten Ausmaßes“ spricht; Vortragstitel der 1970er Jahre lauteten „Die menschenwürdige Lösung der Gastarbeiterfrage“ oder „Terrorismus und Volkserhaltung“. In jüngerer Zeit wurde in „Mensch und Maß“ ein Buch Konrad Windischs beworben, der auch für die NPD-Zeitschrift „Deutsche Stimme“ schreibt; es enthält ein Kapitel zum verschwörungsmythischen „großen Austausch“ und die Feststellung, das „Schicksal der weißen Rasse“ sei besiegelt, wenn es ihr nicht gelinge, „Europa als ihren ausschließlichen Kernlebensraum zu verteidigen“ — Feind seien „jene überstaatlichen, globalen Mächte, die sie hierher gebracht haben“. Aus dem Umfeld stammt auch die Deutung der Corona-Pandemie als „hinterlistiger dritter Weltkrieg gegen die Völker“. Beim Lühe Verlag wurde 2019 Gerard Menuhins Buch „Wahrheit sagen, Teufel jagen“ beschlagnahmt, das den Holocaust als „größte Lüge der Geschichte“ bezeichnet; im Sortiment fand sich zudem eine Schrift Hans F. K. Günthers, eines der Urheber der NS-Rassenideologie, im Nachdruck von 1982.

Ebenso deutlich sind die personellen Verbindungen. Die Bundesvorsitzende Gudrun Klink nahm 2014 an der Eröffnung der Tagungsstätte des extrem rechten Vereins Gedächtnisstätte e. V. in Gutmannshausen teil, bei der auch dessen Mitgründerin Ursula Haverbeck anwesend war, die bekannteste und mehrfach verurteilte Holocaustleugnerin der Bundesrepublik. Zur Ostertagung 2019 war der wegen Volksverhetzung verurteilte Videoblogger Nikolai Nerling („Der Volkslehrer“) eingeladen, dem Klink ein Interview gab. Das Jugendheim Hohenlohe wird auch von Neonazi-Gruppen und der Identitären Bewegung Schwaben genutzt. Über die Geschäftsführerin des Lühe Verlags bestehen Verbindungen zum rechtsesoterischen Anastasia-Netzwerk; bereits 2007 nahm der Initiator des Siedlungsprojekts „Goldenes Grabow“ an der Ostertagung teil. In Telegram-Kanälen aus dem Umfeld — etwa dem „Ludendorff-Archiv“ mit gut 800 Abonnenten (Stand September 2023) — mischen sich Ludendorff-Zitate mit rechtsextremen Verschwörungsinhalten und Bezügen zur Artgemeinschaft – Germanische Glaubens-Gemeinschaft.

Kritische Einordnung

Der Bund für Deutsche Gotterkenntnis entspricht nicht dem verbreiteten Bild einer konfliktträchtigen Gruppe mit charismatischem Führer. Eine ausgeprägte hierarchische Leitungsstruktur ist nicht erkennbar; die Vorsitzenden treten nicht als Lehrautoritäten auf, sondern verwalten einen Bestand kanonisierter Texte. Finanzielle oder sexuelle Abhängigkeitsverhältnisse, Sanktionsdrohungen oder Angstsprache im engeren Sinn sind aus dem verfügbaren Material nicht zu belegen. Der Verein pflegt Feste im Jahreskreis, gibt Zeitschriften heraus und unterhält Bildungsarbeit — Formen, die er mit vielen legitimen religiösen Gemeinschaften teilt.

Zwei Befunde sind gleichwohl gewichtig. Der erste betrifft die soziale Geschlossenheit. Wer in das Netzwerk hineingeboren wird und dessen Weltbild in Ferienlagern und Schulungen aufnimmt, für den bedeutet ein Ausstieg den Bruch mit Familie und gesamtem sozialen Umfeld. Dokumentierte Aussteigerberichte liegen nicht vor; die Schwelle ergibt sich aber schon aus der Struktur und aus der ausgeprägten Abschottung nach außen, die bei Veranstaltungen bis zur Nichtbekanntgabe von Ort und Datum reicht.

Der zweite und schwerwiegendere Befund betrifft die Lehre selbst. Die Selbstdarstellung des Bundes erklärt, man fordere „gleiche Rechte und Pflichten für das jüdische Volk wie für alle anderen Völker“, lehne jede „Rassevergottung“ und jeden „Auserwähltheitsanspruch“ ab und sei deshalb nicht antisemitisch. Diese Behauptung ist mit den Texten, auf die sich der Verein beruft, nicht vereinbar. Sie steht neben der Unterscheidung von „Edelrassen“ und „Niederrassen“, neben dem „volkrettenden Antisemitismus“, neben der Forderung, den Antisemitismus „in der Seele jedes Deutschen tief zu untermauern“, und neben der Deutung des Esausegens als Auftrag, das „Joch Jakobs“ abzuschütteln. Zwar stammen die schärfsten Formulierungen aus politischen Schriften und nicht aus den religionsphilosophischen Werken; trennen lassen sich beide nicht, da die Gotterkenntnis auf demselben Weltbild von Volksseele, Erbgut und Rangordnung der Völker aufruht. Es bleiben zwei Erklärungen: Wer diese Selbstdarstellung verfasst hat, kennt die eigenen Grundlagentexte nicht — oder stellt sie bewusst falsch dar.

Hinzu kommt die Geschichtspolitik. Die Selbstbeschreibung als Opfer der NS-Diktatur nutzt eine formal richtige Tatsache — das Verbot von 1933 — für eine unzutreffende Deutung. Verboten wurde eine Konkurrenz im gleichen ideologischen Lager, und der Bund selbst entstand 1935 mit Genehmigung Hitlers. Die Kontinuität der personellen Verbindungen bis in die Gegenwart, von der Gedächtnisstätte über verurteilte Holocaustleugner bis zur Identitären Bewegung, spricht zusätzlich gegen die behauptete Distanz.

Fazit

Der Bund für Deutsche Gotterkenntnis (Ludendorff) e. V. ist keine Sekte im Sinne einer Gruppe, die ihre Mitglieder über einen Führer, ökonomische Ausbeutung oder Angstsysteme bindet. Was ihn kennzeichnet, ist etwas anderes: eine geschlossene, familiär vererbte Weltanschauung, deren religiöser Kern selbst rassistisch verfasst ist. Die Lehre vom „Todesmuss“ mündet folgerichtig in die Doppelaufgabe von Volks- und Gotterhaltung, und der Volksbegriff, um den es dabei geht, ist ein biologischer. Die Sprache von Vielfalt und Mannigfaltigkeit, mit der die Gemeinschaft nach außen auftritt, ist kein Missverständnis, sondern die zeitgemäße Fassung eines ethnopluralistischen Konzepts, das in den Grundlagentexten unverändert hierarchisch gedacht ist. Der Antisemitismus ist dabei kein historisches Anhängsel, sondern die Begründung, aus der heraus das Christentum abgelehnt und die eigene Gotterkenntnis als notwendig behauptet wird. Die naheliegende Bezeichnung ist deshalb nicht „Sekte“, sondern: eine rechtsextreme und antisemitische Glaubensgemeinschaft. Die Beobachtung durch den Verfassungsschutz ist nach Lage der Quellen begründet.

Stand August 2026 — Text von Secta.fm