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Bruno Gröning Freundeskreis

Heilstrom, Bilderfrömmigkeit und Heilungsversprechen: eine esoterische Bewegung um einen verstorbenen Wunderheiler

Gegründet
1979 (als Abspaltung des von Gröning 1958 gegründeten Vereins)
Gründung durch
Grete Häusler
Ursprung
Deutschland
Größe
Unbekannt; ältere Eigenangabe: 60.000 Mitglieder in 80 Ländern; nach eigenen Angaben heute in rund 100 Ländern vertreten
Auch bekannt als
Verein zur Förderung seelisch-geistiger und natürlicher Lebensgrundlagen in Deutschland

Der Bruno Gröning-Freundeskreis ist eine international tätige Organisation, die den 1959 verstorbenen deutschen Wunderheiler Bruno Gröning verehrt und seine Lehre verbreitet. Sie versteht sich als legitime Erbin und Vermittlerin des „Heilstroms“, einer göttlichen Heilkraft, die Gröning zu Lebzeiten kanalisiert haben soll und die nach Überzeugung seiner Anhängerschaft auch nach seinem Tod durch ihn fließt. Die Gruppe ist vor allem im esoterischen Heilungsmilieu präsent und dort keine unbekannte Größe. Grundlage der folgenden Darstellung sind die Selbstdarstellung des Freundeskreises auf seiner Website und in seinen Publikationen, veröffentlichte Audioaufnahmen von Vorträgen Grönings, Einschätzungen des Schweizer Weltanschauungsexperten Georg Otto Schmid (relinfo.ch), Zitate aus Schriften des Gröning-Mitarbeiters Kurt Trampler und des Herausgebers Thomas Busse, Stellungnahmen der Landesärztekammer Hessen und des Weltanschauungsreferenten Oliver Koch sowie zwei verdeckte Testkontakte mit Mitgliedern des Freundeskreises.

Herkunft und Entstehung: Bruno Gröning (1906–1959)

Bruno Gröning wurde 1906 als Bruno Grönkowski in Danzig geboren, im Gebiet des heutigen Polen. Er stammte aus ärmlichen Verhältnissen, war das vierte von sieben Kindern und wurde streng katholisch erzogen. Nach fünf Jahren Volksschule brach er mehrere Lehren ab und verdiente seinen Lebensunterhalt mit Gelegenheitsarbeiten. Über Kindheit und Jugend ist wenig durch externe Quellen belegt; das meiste stammt aus Grönings eigenen Erzählungen. Damit zeigt sich ein Muster, das für Gründergestalten neureligiöser Bewegungen typisch ist: Die Biografie wird nachträglich mythologisiert. So gab Gröning an, schon in jungen Jahren über die Kraft verfügt zu haben, Tiere und Menschen zu heilen; an die Öffentlichkeit sei er damals nicht gegangen, weil Gott ihm den Befehl dazu erst später erteilt habe.

1928 heiratete Gröning; in den 1930er Jahren ließ er seinen Namen eindeutschen. Seine beiden Söhne starben früh: Harald lebte von 1931 bis 1939, Günter von 1939 bis 1947. Der Freundeskreis deutet diese Todesfälle bis heute so, dass Grönings Frau nicht an die Heilkraft ihres Mannes geglaubt, die Kinder von ihm abgeschirmt und ohne sein Wissen in ärztliche Behandlung gegeben habe. Die glaubhaftere Version lautet umgekehrt: Gröning lehnte fachärztliche Hilfe für seine Kinder ab, die dann unbehandelt an einem Herzklappenfehler beziehungsweise einer Brustfellentzündung starben. 1943 wurde Gröning eingezogen, im Krieg verwundet und geriet in sowjetische Kriegsgefangenschaft; nach der Rückkehr ließ er sich mit seiner Frau im Raum Dillenburg nieder. In diese Nachkriegszeit fällt nach seiner eigenen Darstellung die göttliche Anweisung, mit seinen Heilkräften an die Öffentlichkeit zu gehen.

Den Durchbruch brachte der Fall eines achtjährigen Jungen aus Herford, der an Muskelschwund litt. Nachdem der Vater, ein Ingenieur, Gröning um Hilfe gebeten hatte, ging es dem Kind zunächst besser – ein bei dieser Erkrankung nicht untypischer Verlauf, da sich Phasen der Besserung und Verschlechterung abwechseln. Der Vater hielt seinen Sohn für geheilt und setzte sein Vermögen ein, um Gröning bekannt zu machen. Der Junge starb Jahre später an eben dieser Krankheit; die Episode zeigt exemplarisch die Ambivalenz solcher Heilungsgeschichten, bei denen große Hoffnung und psychologische Effekte zeitweilige Besserungen bewirken können, ohne dass eine langfristige Heilung stattfindet.

Mund-zu-Mund-Propaganda und Wunderberichte in den Medien lösten daraufhin einen regelrechten Massenzulauf aus. Der zeitgeschichtliche Kontext ist entscheidend: Im Nachkriegsdeutschland mit seiner Armut und der großen Zahl Kriegsversehrter stieß die Nachricht von einem Heiler, der auch schwerste Leiden kurieren könne, auf enormes Interesse. Von März bis Juni 1949 erschienen täglich bis zu 5.000 Menschen vor dem Herforder Wohnhaus der Familie Hülsmann, in dem Gröning lebte. Als die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen ihm im Mai 1949 weitere Auftritte verbot, wich er auf einen Hof bei Rosenheim aus – mit bis zu 30.000 Besuchern stiegen die Zahlen weiter. Bei diesen Großveranstaltungen hielt Gröning kurze, predigtartige Ansprachen, in denen er einen recht einfachen Gottesglauben darlegte und auf seine Heilkraft hinwies, die – so betonte er stets – nicht aus ihm selbst, sondern von Gott komme.

Da Gröning weder eine medizinische Ausbildung noch eine Heilerlaubnis besaß, geriet er in dauerhaften Konflikt mit den Gesundheitsbehörden. 1954 wurde in München ein umfangreiches Ermittlungsverfahren eingeleitet; ihm wurde vorgeworfen, wissentlich gegen das Heilpraktikergesetz verstoßen und dabei fahrlässig den Tod mindestens eines Menschen in Kauf genommen zu haben. Er wurde zu acht Monaten Gefängnis verurteilt und erhielt ein Auftrittsverbot für die gesamte Bundesrepublik. Mediziner beobachteten ihn bereits früh kritisch: 1950 mischte sich im Auftrag der Staatsanwaltschaft Oldenburg ein Arzt unter die Heilungssuchenden und bescheinigte Gröning anschließend in einem Gutachten Größen- und Verfolgungswahn; ein Heidelberger Psychiater attestierte ihm in einem Gerichtsgutachten eine „krankhafte Persönlichkeit mit einem überdurchschnittlichen Maß an Suggestivkraft“ und hielt fest, Gröning habe vielen Ratsuchenden Heilung versprochen und ihnen ausdrücklich geraten, keine Ärzte aufzusuchen. Auffällig war zudem, dass Gröning selbst sichtbar krank war: Eine starke Vergrößerung der Schilddrüse zeichnete sich deutlich an seinem Hals ab. Er deutete sie als „Lebensgröße“, die proportional zur Größe seines Publikums an- und abschwelle. Auf die Frage eines Richters, welche Krankheiten er heilen könne, antwortete er: „Ich heile alle Krankheiten auf der Erde“ – und auf die Nachfrage, warum er nicht bei sich selbst anfange, erklärte er, er brauche den Kropf, um darin die Krankheiten der Menschen einzusammeln; wer an ihn als Erlöser glaube, werde sofort von seinem Leiden befreit.

Nach dem Auftrittsverbot suchte Gröning Wege, weiter heilend tätig zu sein, unter anderem als Gehilfe eines Heilpraktikers. Für Fernheilungen setzte er „besprochene“ Gegenstände ein, auf die seine Heilkraft übergehen sollte. Am bekanntesten sind die sogenannten Staniolkugeln: Nach Grönings Angaben in einer polizeilichen Befragung bestanden sie aus der Silberfolie seiner Zigarettenpackungen und waren mit einem „Kraftträger“ gefüllt – seinen Haaren, Finger- oder Zehennägeln oder seinem Sperma, das er selbst als besonders wirksamen Kraftträger einschätzte. In einem Vortrag in Rosenheim erläuterte er das Prinzip mit Alltagsbildern: Alles Irdische sei „ansprechbar“ und nehme die Ausstrahlung seiner Umgebung an, wie ein Gegenstand den Geruch eines Bratens oder die Kleidung den Dunst eines Restaurants annehme – ein Gedanke, den er ausdrücklich auch auf Menschen bezog: Manche merkten es gar nicht mehr, „weil sie zu tief drin stecken“.

Wegen Verstoßes gegen das Heilpraktikergesetz und fahrlässiger Tötung wurde Gröning erneut angeklagt: Er soll den Tod eines jungen kranken Mädchens verursacht haben, indem er die Patientin der ärztlichen Behandlung entzog. Er wurde zu einer Geldstrafe und einer Bewährungsstrafe verurteilt und ging in Revision, erlebte den Ausgang des Verfahrens aber nicht mehr. Gröning war an Magenkrebs erkrankt und ließ sich 1958 in Paris medizinisch behandeln – also durchaus evidenzbasiert –, doch das Karzinom war inoperabel. Er starb am 26. Januar 1959. Seine Anhängerschaft deutet diesen Tod bis heute auf zweierlei Weise: Entweder sei Gröning „innerlich verbrannt“, weil sein Heilstrom nach dem Auftrittsverbot nicht mehr habe fließen können, oder er habe mit dem Krebsleiden stellvertretend das Leiden anderer auf sich genommen. In der zweiten Deutung klingt unverkennbar der Messias-Gedanke an, das stellvertretende Leiden, wie es ein bestimmtes Verständnis des Kreuzestodes Jesu kennt. Grönings Grab in Dillenburg ist heute eine Art Wallfahrtsstätte; an seinem Geburts- und Todestag finden jährlich große Gedenkfeiern statt. Eine Bereicherungsabsicht lässt sich Gröning übrigens nicht unterstellen: Er lehnte es stets ab, für seine Tätigkeit Geld zu nehmen, hatte keinen festen Wohnsitz und lebte wechselnd bei Anhängern.

Geschichte und Entwicklung des Freundeskreises

Zur Organisation seiner Veranstaltungen gründete Gröning 1953 den Gröning-Bund, mit dem er sich jedoch überwarf, als der Bund eine gegen ihn verhängte Geldstrafe nicht übernehmen wollte; der Bund wurde aufgelöst. 1958 gründete Gröning den Verein zur Förderung seelisch-geistiger und natürlicher Lebensgrundlagen in Deutschland, in dem sich erste lokale Gemeinschaften von Geheilten und Heilungssuchenden sammelten. Dieser Verein existiert bis heute. 1979, zwanzig Jahre nach Grönings Tod, spaltete sich unter der Leitung der Österreicherin Grete Häusler der Bruno Gröning-Freundeskreis von ihm ab. Häusler gab an, selbst von Gröning geheilt worden zu sein; ihr gelang es, das zu Lebzeiten angelegte Archiv Grönings – Aufzeichnungen, Aufnahmen und Bilder – für den Freundeskreis zu übernehmen. Nach ihrem Tod 2007 übernahm ihr Sohn Peter Häusler die Leitung.

Der Freundeskreis versteht sich als einziger legitimer Erbe und Verwalter der Lehre Grönings und als legitime Vermittlungsorganisation des Heilstroms. Dieser Anspruch ist umstritten: Weitere kleinere Gruppierungen und Einzelpersonen bezeichnen sich jeweils als authentische Nachfolge Grönings und lehnen den Freundeskreis ab, darunter der von Gröning selbst gegründete Verein. Faktisch versammelt der Freundeskreis jedoch die mit Abstand größte Anhängerschaft – vor allem, weil er professionell aufgestellt ist und die Lehre Grönings wirksam vermarktet. Der Grete Häusler Verlag gibt Bücher, Hörbücher, Musik-CDs, DVDs, Kalender und die Zeitschrift des Freundeskreises heraus, vieles davon mehrsprachig auf Englisch, Französisch, Niederländisch, Spanisch und Polnisch. Alle Mitarbeiter des Verlags einschließlich der Geschäftsleitung arbeiten nach eigener Darstellung unentgeltlich; wohin die Gewinne des Verlags fließen, ist unklar. Zeitweise unterstützte der Freundeskreis 2011 auch den aus Kroatien stammenden Geistheiler Braco, der durch seinen angeblich heilenden Blick bekannt wurde, zog diese Unterstützung aber zurück, als Braco unabhängig von einer bestimmten spirituellen Gruppe seinen eigenen Weg gehen wollte.

Zur Verbreitung liegen nur unsichere Zahlen vor. Nach eigenen Angaben ist der Freundeskreis in rund 100 Ländern vertreten; Mitgliederzahlen nennt die Website nicht, was auch an der eher losen Struktur der lokalen „Kreise“ liegen dürfte. Eine ältere Eigenangabe sprach von 60.000 Mitgliedern in 80 Ländern, eine ebenfalls ältere Beobachterschätzung von rund 30.000 Interessierten in etwa 550 lokalen Kreisen. Plausibel sind heute mehrere tausend bis einige zehntausend Anhänger und Sympathisanten, mit Schwerpunkt im esoterischen Milieu. Medial ist die Gruppe aktiv und durchaus reichweitenstark: Der YouTube-Kanal zählt knapp 63.000 Abonnenten, einzelne Videos – vielfach Heilungszeugnisse – erreichen Abrufzahlen im fünf- bis sechsstelligen Bereich, der erste Teil der Eigendokumentation „Das Phänomen Bruno Gröning“ über eine Million Abrufe. Daneben existiert eine kleine, aber aktive Telegram-Gruppe.

Lehre und Glaubenssätze

Eine Vorbemerkung zur Quellenlage ist nötig. Gröning selbst hat nie eine fixe Lehre formuliert; er beanspruchte, im göttlichen Auftrag zu handeln, verstand sich aber zeitlebens als gläubiger Katholik in Übereinstimmung mit seiner Kirche – die ihrerseits deutlich auf Distanz ging, während die deutsche Presse ihn vielfach als Scharlatan behandelte und ein lutherischer Superintendent vor Ort ihn wiederholt in Schutz nahm. Die Systematisierung seiner verstreuten Aussagen leistete erst der Freundeskreis. Dabei besteht ein grundsätzliches Problem: Die Leitung des ursprünglichen, von Gröning gegründeten Vereins wirft dem Grete Häusler Verlag vor, Originaltexte und Zitate Grönings abzuändern. Mindestens in einem Fall ist dieser Vorwurf gut belegt: Ein Text, den Gröning 1957 in einer Zeitschrift publizierte, erschien 1986 erneut in einer Verlagspublikation – mit zahlreichen nicht kenntlich gemachten Veränderungen und Ergänzungen, darunter eingebaute Goethe- und Bismarck-Zitate, die Gröning als gebildeten Intellektuellen erscheinen lassen und in der Urfassung fehlen. Da das Archiv im Besitz des Freundeskreises ist und kein externer Zugang zu den Originalschriften besteht, lässt sich für die übrigen Publikationen – auch für das zentrale Buch „Die Lehre Bruno Grönings“, das keine Nachweise für seine Zitate liefert – nicht überprüfen, wie authentisch die überlieferte Lehre ist. Was vorliegt, ist die Lehre Grönings in der Darstellung des Freundeskreises; einzige Ausnahme sind veröffentlichte Audioaufnahmen.

Im Zentrum des Glaubens steht der Heilstrom: eine göttliche Heilkraft, die von Gott ausgeht und durch Gröning zu den kranken Menschen fließt. Gröning verglich Gott mit einem Elektrizitätswerk und den Menschen mit einer Glühbirne: Wie die Glühbirne nur leuchtet, wenn der Strom aus dem Kraftwerk sie erreicht, könne der Mensch nur in der göttlichen Ordnung leben, wenn er mit der Kraft Gottes gespeist werde. Sich selbst schrieb Gröning die Aufgabe eines „Transformators“ zu, der die unendlich hohen göttlichen Energien so umwandle, dass jeder Mensch nur so viel erhalte, wie er aufnehmen könne. Dahinter steht eine eigene Heilsgeschichte: Im Urzustand habe eine direkte Verbindung zwischen dem „Kraftwerk“ Gott und dem „Empfänger“ Mensch bestanden; durch die Abwendung der Menschen von Gott sei diese Verbindung zerrissen und eine immer tiefere Kluft entstanden, die der Mensch aus eigener Kraft nicht überbrücken könne. Gröning habe die Brücke gebaut, über die der Zugang zu Gott wieder möglich sei.

Damit erhält Gröning eine soteriologische Schlüsselstellung, die weit über die eines bloßen Vermittlers hinausgeht. Zwar gilt im Freundeskreis der Grundsatz, dass allein Gott heilt – „Gott ist der größte Arzt“ –, doch faktisch nimmt Gröning eine Rolle ein, die im christlichen Bezugssystem der Christus-Rolle entspricht: Gebetet wird im Freundeskreis zu Bruno Gröning; man bittet um seinen Beistand und darum, dass er den Heilstrom fließen lasse. Ein Mitglied, das im Rahmen einer verdeckten Kontaktaufnahme nach dem Sinn dieser Mittlerschaft gefragt wurde – warum man Gott nicht direkt anrufen könne –, räumte nach einigem Zögern ein, prinzipiell sei das möglich, durch Gröning sei der Kontakt aber „direkter“, und Gröning habe gelehrt, auf welche Weise der Heilstrom am besten zu empfangen sei. Der Tod Grönings ändert an dieser Funktion nichts: Er habe schon zu Lebzeiten angekündigt, mit seinem Geist bei seinen Anhängern zu bleiben – wenn er sterbe, sterbe nur sein Körper – und bereits Fernheilungen praktiziert. Nach Überzeugung des Freundeskreises vermittelt Gröning den Heilstrom daher aus einer jenseitigen Welt weiter.

Hinzu kommt ein ausgeprägter Dualismus: Der Mensch habe stets die Wahl zwischen Gut und Böse. Gott wolle das Leben und die Liebe, Satan wolle beides vernichten; beide Kräfte könne der Mensch in sich aufnehmen und in Seele wie Körper wirken lassen. Krankheit kommt in diesem Weltbild eindeutig vom Bösen – sie ist keine Strafe Gottes, sondern Folge falscher, „satanischer“ Gedanken, für die sich der Mensch mit seinem freien Willen entscheidet. Daraus folgt die für die Bewegung zentrale Vorstellung des positiven Denkens in einem starken, wörtlichen Sinn: Gedanken verändern materiell-physisch die Wirklichkeit. „Gedanken sind Kräfte“, lehrte Gröning; wer sich sorge, sorge dafür, dass es ihm schlecht gehe. Über Krankheit darf deshalb weder nachgedacht noch gesprochen werden. Der freie Wille wird dabei charakteristisch umgedeutet: Er ist die Freiheit, sich für oder gegen die eigene Krankheit zu entscheiden – eine Vorstellung, die der evidenzbasierten Medizin diametral widerspricht, in der esoterischen Grundannahme selbst verursachter Krankheit aber breite Anschlussfähigkeit findet.

Eigenheiten und Praxis

Die Aufnahme des Heilstroms ist im heutigen Freundeskreis deutlich stärker ritualisiert als zu Grönings Lebzeiten. Zentrale Praxis ist das „Einstellen“: Die Person sitzt in offener Körperhaltung, ohne Überkreuzung von Beinen und Armen, die Handflächen nach oben geöffnet auf den Oberschenkeln, und versucht, alle störenden Gedanken abzuschalten und sich auf das Geschehen im Körper zu konzentrieren; eine offene, gläubige Geisteshaltung gilt als Grundvoraussetzung. Der zeitweilige Gröning-Mitarbeiter, Journalist und Buchautor Kurt Trampler erläuterte in seinem Buch „Die große Umkehr“, das Aneinanderlegen der Hände bewirke nach Grönings Auffassung einen „Kurzschluss des Lebensstroms“ im Oberkörper, das Übereinanderschlagen der Beine denselben Schaden im Unterkörper; wer solche „Fehler“ gewohnheitsmäßig mache, müsse auf längere Frist mit Krankheiten rechnen. Die Elektrizitätsmetaphorik durchzieht die gesamte Praxis: Erwartet wird, dass das Einströmen des Heilstroms physisch spürbar wird, etwa als Kribbeln. Das Einstellen wurde zu einer regelrechten Liturgie ausgebaut – verbunden mit der Lektüre von Gröning-Worten, Bitten an Gröning und eigens für den Freundeskreis komponierter meditativer Musik. Nach Angaben von Georg Otto Schmid soll ein Anhänger zweimal täglich einstellen, idealerweise um 9 und um 21 Uhr; kurze Einstellungen seien in jeder Lebenslage möglich.

Eine Sonderstellung nehmen die Bilder Grönings ein. Sie sind gewissermaßen die Nachfolger der Staniolkugeln: keine bloße Ehrerbietung wie Heiligenbilder in katholischen oder orthodoxen Kirchen, sondern in gewisser Weise notwendige Medien, damit der Heilstrom fließen kann. Überzeugte Anhänger tragen ständig kleine Gröning-Porträts bei sich; es gibt sie in allen Formaten, zum Unterlegen unter die Matratze ebenso wie für die Geldbörse. Ein kontaktiertes Mitglied berichtete, es habe jederzeit zwei Bildchen im Auto; bei Verletzungen lege man das Bild auf die Wunde oder den Verband und bitte um den Heilstrom. Berichtet wird auch von Bildern, die als Schutz in den Motorraum eines Autos eingearbeitet oder in Hunde- und Katzenkörbchen gelegt werden – denn der Heilstrom gilt nicht nur körperlichen Gebrechen, sondern auch defekten Geräten, gleichsam als universeller Reparaturstrom. Die Bilder sollen nach Auskunft des Mitglieds sogar unabhängig davon wirken, ob die beschenkte Person weiß, was es mit ihnen auf sich hat. Verschiedene Bilder gelten für verschiedene Anwendungszwecke als unterschiedlich geeignet; ein zentrales „Heilbild“ wird besonders hervorgehoben. Nach Angaben Schmids – die sich anderweitig nicht verifizieren ließen – wirken Fotokopien deutlich schwächer als Originale und Abzüge von Originalnegativen stärker als Drucke.

Ein wichtiger Begriff der Binnensprache sind die „Regelungen“ oder „Regelungsschmerzen“: Schmerzen, die sich während der Heilung durch den Heilstrom einstellen und den ursprünglichen Krankheitssymptomen zum Verwechseln ähnlich sein können. Sie zeigen nach der Lehre nicht die Unwirksamkeit, sondern gerade die Wirksamkeit des Stroms an – der Heilstrom reinige den Körper und schwemme vorhandene Belastungen aus. Das Konzept entspricht strukturell der „Erstverschlimmerung“ der Homöopathie, die auch andere Geistheiler übernommen haben. Schmid beobachtet, dass Gröning-Freunde im Prinzip jedes Leiden während ihrer Zeit im Freundeskreis als Regelung auslegen – mit der Folge, dass ein Gröning-Freund im Selbstverständnis nie krank ist, sondern allenfalls Regelungen durchläuft. Aus der Lehre, über Krankheit dürfe nicht gesprochen werden, sei zudem der Brauch erwachsen, über eigene Leiden nur in der Vergangenheitsform zu berichten und für die Gegenwart Gesundheit zu beteuern; so komme es vor, dass Gröning-Freunde mit offenkundig schmerzverzerrtem Gesicht Zeugnis von ihrer Heilung ablegten – eine realistische Auskunft über das aktuelle Befinden sei damit unmöglich. In dieser Zuspitzung ist das Schmids Wertung, sie fügt sich aber bruchlos in die dokumentierte Lehre.

Der Freundeskreis betont, keine religiöse Gruppe im Sinne einer Konkurrenz zu bestehenden Gemeinschaften zu sein: Jedes Mitglied solle in seiner Glaubensgemeinschaft bleiben. Faktisch ist die Lehre heute allerdings vielfach nicht mehr christlich gerahmt, wie Gröning sich selbst verstand, sondern in ein umfassendes esoterisches Weltbild eingebettet, in dem Gröning für viele Anhänger ein wesentlicher Baustein unter anderen ist.

Kritische Einordnung

Der analytisch wichtigste Befund betrifft den Widerspruch zwischen Selbstdarstellung und faktischer Kommunikation. Die Website des Freundeskreises erklärt: „Entsprechend dem Vorbild Bruno Grönings wird im Freundeskreis nicht diagnostiziert, therapiert, untersucht oder behandelt. Ebenso wenig wird von Arztbesuchen, Medikamenteneinnahme, Therapien oder operativen Eingriffen abgeraten. Nach Gröning ist jede Heilung ein Gnadenakt Gottes. Deshalb werden im Bruno Gröning-Freundeskreis auch keine Heilsversprechen abgegeben.“ Dieselbe Website ist jedoch durchzogen von Gröning-Zitaten, die genau solche Erwartungen aufbauen – allen voran das omnipräsente „Es gibt kein Unheilbar“, der Sache nach das Versprechen, alles sei heilbar. Weitere Beispiele: „Gott hat den Menschen schön und gut und gesund geschaffen, so will er ihn auch haben“; „Die Krankheit gehört nicht zum Menschen“; „Vertraue und glaube, es hilft, es heilt die göttliche Kraft.“ Ein längerer Website-Text erklärt, wenn ein Mensch Vertrauen und Glauben aufbringe, „kann Bruno Gröning helfen“; selbst wem der Glaube fehle, dem biete Gröning an: „So Sie heute noch nicht glauben können, so will ich es für Sie tun.“ Zugleich wird die Verantwortung für ausbleibende Heilung dem Kranken zugewiesen: „Wer auf seiner Krankheit sitzt, ständig an sie denkt und über sie spricht, wird vergeblich auf eine Heilung warten.“ Und zum Umgang mit Regelungsschmerzen heißt es, es beginne „eine innere Auseinandersetzung um den Glauben“: „Hier entscheidet sich, ob der Mensch die Heilung erhält … Doch ringt er sich zum Glauben an die Gesundheit durch, so wird sich der Heilungsprozess vollziehen. Der Mensch entscheidet selbst.“ Wer als schwerkranker, verzweifelter Mensch auf diese Seiten trifft – flankiert von Dutzenden Video-Zeugnissen angeblich Geheilter –, bei dem werden massive Heilungserwartungen geweckt. Die Beteuerung, es würden keine Heilsversprechen gegeben, ist vor diesem Hintergrund nicht haltbar.

Diese Struktur immunisiert sich zugleich gegen jedes Scheitern. Tritt Heilung ein, hat der Heilstrom gewirkt. Bleibt sie aus oder verschlimmern sich die Beschwerden, handelt es sich um Regelungen; halten die Schmerzen an, fehlte der Glaube oder der freie Wille zur Trennung von der Krankheit; kehrt eine Krankheit zurück – auch der Verlust einer bereits empfangenen Heilung gilt als möglich –, ist das skeptische soziale Umfeld verantwortlich. In der von Thomas Busse herausgegebenen Lehrdarstellung heißt es dazu, ein Geheilter erhalte sein altes Leiden „mit Leichtigkeit“ zurück, „wenn die satanischen Menschen an diesem Menschen bohren und sagen: Quatsch, glaube doch nicht daran“; auch die „Ausstrahlungen der skeptischen Umgebung“ könnten Rückfälle verursachen. So wurde im Freundeskreis auch der Tod des ersten prominenten Heilungsfalls gedeutet: Der Junge habe seine Heilung wieder verloren. Konsequent zu Ende gedacht legt diese Lehre nahe, sich von Kritikern – auch von kritischen Angehörigen und Partnern – vorsorglich zu distanzieren, um die eigene Heilung nicht zu gefährden. Dokumentierte Berichte über solche Kontaktabbrüche liegen hier nicht vor; das Konfliktpotenzial für soziale Beziehungen ist gleichwohl offensichtlich, zumal sich Angehörige ihrerseits sorgen, wenn kranke Familienmitglieder statt auf ärztliche Behandlung auf einen Heiler setzen.

Der zweite Befund betrifft den Wissenschaftlichkeitsanspruch. Der Freundeskreis behauptet, die Heilungen seien medizinisch dokumentiert und wissenschaftlich belegt; eine „Medizinisch-Wissenschaftliche Fachgruppe“, der weltweit tausende Ärzte, Psychologen und andere Heilberufler angehören sollen, prüfe die Erfolgsberichte in einem anamneseähnlichen Fragebogenverfahren; auf diese Weise seien seit Ende der 1980er Jahre tausende von Hilfen und Heilungen „schriftlich festgehalten und archiviert“ worden. Genau darin liegt das Problem: Archivierung ohne Veröffentlichung entzieht die Berichte jeder wissenschaftlichen Kontrolle. Unabhängige Publikationen, externe Überprüfungen des Verfahrens oder eine Kontrollinstanz existieren nicht; die auf der Website unter „Ärzte nehmen Stellung“ aufgeführten Personen erscheinen nur mit Initialen und äußern sich als erkennbare Anhänger. Die Landesärztekammer Hessen positioniert sich durch ihren Präsidenten Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach eindeutig: Man stehe den medizinischen Heilungsversprechen des Freundeskreises ablehnend gegenüber; die Organisation vertrete keine medizinische Fachmeinung, sondern eine esoterische Weltanschauung, und Belege für die medizinische Prüfung angeblicher Heilungen gebe es nicht.

Drittens die Praxis im Umgang mit Kranken. Oliver Koch, Referent für Weltanschauungsfragen am Zentrum Ökumene in Frankfurt, berichtet aus seiner Beratungsarbeit von Menschen, die nach einiger Zeit schwer enttäuscht und frustriert sind und sich – „wenn sie das können“ – wieder abwenden; sie beschreiben eine Art Erfolgsdruck, gesund zu werden. Aufschlussreich waren zudem zwei verdeckte Testkontakte für die vorliegende Darstellung: Gegenüber zwei Mitgliedern des Freundeskreises wurden Symptome geschildert, die typischen Frühzeichen von Magenkrebs entsprechen, verbunden mit der Angabe, aus Angst vor der Diagnose nicht zum Arzt gehen zu wollen und es zuerst „bei Bruno“ versuchen zu wollen. Keines der beiden Mitglieder riet zum Arztbesuch. Das erste verwies auf eigene Spontanheilungen und den örtlichen Freundeskreis; das zweite übersandte ein Buch, das dezidiert gegen die evidenzbasierte Medizin argumentiert, empfahl die Einnahme einer im Internet erhältlichen Mischung aus Natriumchlorid und Salzsäure, gab an, seit zehn Jahren nicht mehr beim Arzt gewesen zu sein, und schrieb: „Bruno Gröning ist ein Muss.“ Die offizielle Linie, von Arztbesuchen werde nicht abgeraten, hielt damit im Praxistest nicht stand – niemand riet explizit vom Arzt ab, aber beide verwiesen zuerst auf Gröning, was bei einer ernsthaften Erkrankung wertvolle Zeit kosten kann. In dieselbe Richtung weist ein historisches Zitat Tramplers über den Regelungsschmerz: Hilfesuchende, die beim Einsetzen der Schmerzen einen Rückfall befürchteten und zum Arzt gehen wollten, habe Gröning angehalten, den Schmerz zu „erdulden“ – es geschehe nichts Schlimmes, „sondern nur, dass der Mensch gesund wird“. Das Erdulden anhaltender Schmerzen statt ärztlicher Abklärung ist bei ernsthaften Erkrankungen potenziell lebensgefährlich.

Die zahlreichen Heilungszeugnisse, mit denen der Freundeskreis wirbt, lassen sich demgegenüber ohne Annahme eines Heilstroms erklären. Zunächst ist das Bild systematisch verzerrt: Gesammelt und veröffentlicht werden seit Jahrzehnten ausschließlich die Fälle, in denen etwas geschah; die weitaus zahlreicheren Fälle ohne jede Besserung bleiben unsichtbar, ebenso spätere Rückfälle. Darüber hinaus wirken fünf bekannte Mechanismen: der wissenschaftlich belegte Placebo-Effekt samt Autosuggestion; das Zusammentreffen des Heilerbesuchs mit ohnehin eintretenden Besserungsphasen bei zyklisch verlaufenden Krankheiten; veränderte Selbstwahrnehmung und Lebensführung durch die regelmäßige, aufmerksame Beschäftigung mit dem eigenen Körper; medizinisch nicht erklärbare, aber real vorkommende Spontanheilungen, die solche Gruppen naturgemäß prominent sammeln; und schließlich die schlichte Umdeutung fortbestehender Symptome in Regelungen. In den allermeisten Fällen dürfte eine dieser Erklärungen deutlich näher liegen als ein wirkender Heilstrom.

Zur Fairness gehört, festzuhalten, was den Befund begrenzt. Gröning selbst bereicherte sich nachweislich nicht und verlangte kein Geld für seine Tätigkeit. Der Freundeskreis zieht seine Mitglieder erklärtermaßen nicht aus ihren Glaubensgemeinschaften ab; eine straffe Vereinnahmungsstruktur mit formaler Mitgliedschaft, Beitragspflicht oder dokumentiertem Aussteigerdruck ist nicht erkennbar, die Struktur der Kreise wirkt eher lose. Die Verehrung eines Heilers als solche – bis hin zur Quasi-Ersetzung Jesu durch Gröning – macht eine Gruppe noch nicht problematisch; das wäre für sich genommen schlicht eine andere religiöse Option. Auch der gelegentlich erhobene Einwand, kirchliche Weltanschauungsarbeit kritisiere solche Gruppen nur als unliebsame Konkurrenz, verfängt hier nicht: Die Kritik richtet sich nicht gegen die Frömmigkeitsform, sondern gegen die Fixierung auf Gesundheit und die damit verbundenen Versprechen – Phänomene, die auch innerchristliche Heilungsbewegungen treffen und dort von den großen Kirchen ebenso kritisiert werden. Offen bleibt allein die Geldfrage: Dass in einem mehrsprachig produzierenden Verlag mit breitem Sortiment sämtliche Beteiligten einschließlich der Geschäftsleitung unentgeltlich arbeiten und niemand an den Gewinnen partizipiert, ist eine Selbstauskunft ohne Beleg; nachprüfen lässt sie sich nicht.

Fazit

Der Bruno Gröning-Freundeskreis ist in erster Linie eine esoterische Heilungsgemeinschaft um einen verstorbenen Geistheiler – keine klassische Sekte im Sinne einer straff organisierten, exklusiven Mitgliedschaftsgruppe, aber eine Bewegung mit deutlich sektenartigen Zügen. Diese liegen weniger in der Verehrung Grönings als im Weltbild: ein strikter Gut-Böse-Dualismus, ein kultmagisches Denken nach dem Muster „Wer richtig glaubt und richtig praktiziert, wird gesund“, die Zuschreibung der Verantwortung für ausbleibende Heilung an den Kranken und sein Umfeld sowie eine Lehre, die sich gegen jede Falsifikation immunisiert. Georg Otto Schmid spricht von einer sektenhaften Mentalität. Gefährlich wird die Gruppe dort, wo ihre faktischen Heilungsversprechen geglaubt werden und Menschen deswegen notwendige medizinische Behandlung aufschieben oder meiden – ein Risiko, das nicht theoretisch bleibt, wie die geschilderten Testkontakte und die dokumentierte Lehre vom zu erduldenden Regelungsschmerz zeigen. Hinzu kommt das destruktive Potenzial für soziale Beziehungen, das in der Abwertung skeptischer Umgebungen angelegt ist. Zusammengefasst: eine esoterische Heilungsgruppe um den angeblichen Geistheiler Bruno Gröning mit unter Umständen erheblichem destruktivem Potenzial, insbesondere für die körperliche Gesundheit ihrer Anhänger.

Stand August 2026 — Text von Secta.fm