In der Pforzheimer Innenstadt hat eine Gemeinde ihre Räume eröffnet, die sich selbst „Das zuverlässige Wort“ nennt und als Baptistenkirche bezeichnet. Sie versteht sich als deutscher Ableger der US-amerikanischen Faithful Word Baptist Church und damit der sogenannten New Independent Fundamentalist Baptist-Bewegung (NIFB), die der Prediger Steven Anderson in Arizona aufgebaut hat. Leiter der Pforzheimer Gemeinde ist der 25-jährige Anselm Urban, der die Gottesdienste per Video aus den Vereinigten Staaten überträgt. Die folgende Einordnung stützt sich auf die Selbstdarstellung der Gemeinde, auf Predigten und Videomaterial von Urban und Anderson, auf ein Interview Urbans mit den Badischen Neuesten Nachrichten (BNN) sowie auf Dokumentationen der Anti-Defamation League (ADL) zu Aussagen Andersons. Ein zentrales Ergebnis vorab: Die Gemeinde bewegt sich lehrmäßig und rhetorisch weit außerhalb dessen, was in Deutschland unter „evangelikal“ oder „baptistisch“ gemeinhin verstanden wird, und ist Gegenstand strafrechtlicher wie verfassungsrechtlicher Prüfungen.
Herkunft und Entstehung
Die ideologische Linie, in die sich „Das zuverlässige Wort“ einordnet, entsteht durch zwei aufeinanderfolgende Abspaltungen. Ausgangspunkt ist die Southern Baptist Convention, der mitgliederstärkste evangelikale Zusammenschluss freikirchlicher Gemeinden in den USA, selbst schon konservativ geprägt. Aus einer Kritik an als zu liberal empfundenen Entwicklungen in dieser Convention – ein Beispiel dafür ist der Ausschluss der Saddleback Church von Rick Warren im Februar 2023, weil diese Frauen ordiniert hatte – entstand die Bewegung der Independent Fundamentalist Baptist-Gemeinden (IFB). Ihr Kernmerkmal ist die strikte Unabhängigkeit der Ortsgemeinde: Es gibt keine übergeordnete Versammlung, die in Lehrfragen entscheidet, allein die lokale Gemeinde und ihr Pastor besitzen diese Autorität.
Steven Anderson war selbst Mitglied dieser IFB-Bewegung, empfand sie jedoch seinerseits als zu lasch und zu sehr von modernen Einflüssen durchsetzt. Er trennte sich von ihr und gründete 2005 in Arizona die Faithful Word Baptist Church sowie, programmatisch als Weiterentwicklung markiert, die „New“ Independent Fundamentalist Baptist-Bewegung – eine Abspaltung von einer Abspaltung, die sich als die konsequentere, unverwässerte Variante des fundamentalistischen Baptismus versteht. Anderson lernte seine deutschstämmige Ehefrau, mit der er mehr als zehn Kinder hat, bei einer Missionsreise in München kennen; eine lose, deutschlandweit verstreute Anhängerschaft der Bewegung existierte bereits mehrere Jahre, bevor es zur Gründung einer festen deutschen Gemeinde kam.
Anselm Urban wuchs im sächsischen Görlitz auf und studierte ein Semester an der Freien Theologischen Hochschule (FTH) Gießen, einer evangelikalen, konservativ geprägten Ausbildungsstätte – die ihm nach eigener Aussage bereits zu liberal und zu „weltlich“ war. Beruflich war er zuvor offenbar im Bereich Softwareentwicklung tätig. Über Online-Kontakte fand er zu Andersons Lehre und lebt inzwischen in Arizona, wo er bei der Kirche angestellt ist und die Aufgabe hat, die Aktivitäten und die Social-Media-Präsenz der Bewegung in Deutschland aufzubauen. In einem Video erklärte Anderson ihn ausdrücklich zum Repräsentanten der Bewegung für Deutschland.
Geschichte und Entwicklung
Obwohl die Faithful Word Baptist Church und mit ihr die NIFB-Bewegung bereits 2005 gegründet wurden, gewann die Bewegung erst in den vergangenen fünf Jahren spürbar an Dynamik, wesentlich getragen durch intensive Online-Aktivität. 2017 veröffentlichte Anderson eine mehrteilige Strategie zur „Evangelisierung der ganzen Welt“, die drei Säulen benennt: persönliche Mission von Tür zu Tür („Seelengewinnen“), die Entsendung von Missionaren ins Ausland und den Aufbau eines „Internet Ministry“ über YouTube und andere Plattformen. Als Zielmarken nannte er die Gründung von 54 angeschlossenen Gemeinden in den wichtigsten Städten der USA bis 2026 und, als Fernziel, die missionarische Erreichung jedes Haushalts des Landes bis 2041. Seit 2016 sind in den USA mehr als zwanzig neue Standorte hinzugekommen, dazu Auslandspräsenzen in Australien, Kanada, auf den Philippinen und in Südafrika. Innerhalb der Bewegung kam es auch zu Abspaltungen: Einzelne Pastoren lösten sich organisatorisch von Anderson, vertreten nach vorliegenden Informationen aber weiterhin ähnliche Positionen.
Mit der Eröffnung der Gemeinderäume in Pforzheim liegt nun erstmals ein fester institutioneller Standort in Deutschland vor; zuvor bestand über Jahre nur eine lose, online vernetzte Anhängerschaft ohne eigene Gemeinderäume. Die praktische Leitung erfolgt weiterhin aus den USA: Urban predigt per Videoübertragung, während in Pforzheim jeden Sonntag ein Präsenzgottesdienst stattfindet. Zur Standortwahl äußerte Urban gegenüber den Badischen Neuesten Nachrichten, Pforzheim sei „relativ empfänglich“ für die Botschaft seiner Gemeinde, es gebe dort viele Menschen, die man gewinnen könne.
Die Gründung hat unmittelbar Reaktionen ausgelöst. Christiane Klinke, Dekanin der evangelischen Kirche in Pforzheim, erstattete Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft, die die Prüfung bestätigte. Grüne Landtagsabgeordnete in Baden-Württemberg forderten in einem Schreiben an Innenminister Thomas Strobl (CDU) ein Verbot der Gruppe und stuften sie als „kriminelle Vereinigung“ ein, deren Aktivitäten und Ziele den Strafgesetzen zuwiderliefen und sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung richteten. Das baden-württembergische Innenministerium erklärte, den Sachverhalt zu prüfen; ein Ergebnis stand zum Zeitpunkt der Recherche noch aus. Urban selbst wurde bereits vor der Gemeindegründung wegen Volksverhetzung und Beleidigung zu einer Geldstrafe verurteilt, nachdem er dem Queer-Beauftragten der Bundesregierung, Sven Lehmann, öffentlich den Tod gewünscht hatte. Gegenüber den BNN bestätigte er dies in sachlichem Ton mit dem Satz: „Meine Aussage war: Sven Lehmann stirbt.“ Auf die Frage, ob er nicht befürchte, mit seinen Predigten andere zur Gewalt aufzustacheln, antwortete er, er sehe sich „null in der Verantwortung“.
Lehre und Glaubenssätze
Im Zentrum der Soteriologie steht ein striktes Modell der Heilsgewissheit. Rettung erfolgt ausschließlich durch den Glauben, dass Jesus stellvertretend für die eigene Schuld gestorben und auferstanden ist – eine klassische Sühnetheologie. Werke spielen für die Errettung keine Rolle. Wer einmal in diesem Sinn „richtig“ geglaubt hat, kann das Heil nach dieser Lehre nicht mehr verlieren; Urban formuliert das als „einmal gerettet, immer gerettet“. Ein späterer Glaubensabfall gilt in dieser Logik nicht als Verlust des Heils, sondern als Beweis dafür, dass der ursprüngliche Glaube nie echt war. Wer nicht in dieser Weise glaubt, dem droht eine wörtlich verstandene Hölle als Ort ewiger Qual.
Ein weiteres Kernelement ist ein exklusives Schriftverständnis. Als verbindlicher Urtext gilt für das Neue Testament der sogenannte Textus receptus, für das Alte Testament der masoretische Text; beide werden als von Gott bewahrte Fassungen betrachtet. Als einzig zulässige Bibelausgaben gelten im Englischen die King-James-Version und im Deutschen die Schlachter 2000, mit Einschränkung auch noch die Lutherbibel von 1912 als letzte deutsche Übersetzung auf Basis des Textus receptus. Modernere Übersetzungen, die auf textkritisch rekonstruierten Ausgaben beruhen, werden pauschal als „korrupt“ verworfen. Der Textus receptus selbst geht auf die Textzusammenstellung des Erasmus von Rotterdam (1466–1536) zurück, der bei fehlenden Handschriftenstellen eigene Ergänzungen vornahm. Die seit dem 18. und 19. Jahrhundert entwickelte wissenschaftliche Textkritik, die durch systematischen Vergleich der überlieferten Handschriften den wahrscheinlich ursprünglichsten Text zu rekonstruieren versucht, wird in dieser Lehre mit „Bibelkritik“ gleichgesetzt und pauschal abgelehnt – eine Gleichsetzung, die fachlich nicht zutrifft, da ein großer Teil der evangelikalen Theologie Textkritik durchaus anerkennt, ohne deshalb die Autorität der biblischen Aussagen selbst infrage zu stellen.
Autoritätsstruktur und Gemeindepraxis sind eng an die Unabhängigkeit der Ortsgemeinde gebunden. Bibelschulen gelten als „unbiblisches“, „weltliches“ Konzept, weil die Ausbildung nach dieser Auffassung allein Aufgabe der Ortsgemeinde ist. Auch Hauskreise werden als offizielles Gemeindeangebot abgelehnt: Eine „richtige“ Predigt im Sonntagsgottesdienst müsse so klar sein, dass ergänzende Kleingruppen überflüssig seien. Kindergottesdienste werden ebenfalls verworfen; Kinder sollen im vollen Gottesdienst bei den Eltern bleiben, unter anderem aus der Sorge, dass in gesonderter Kinderbetreuung ein „falsches“, gegenüber Homosexualität toleranteres Evangelium vermittelt werden könnte.
Zur Alltagsethik gehören die Ablehnung „weltlicher“ Musik – ausdrücklich genannt werden Pop- und Rockmusik sowie explizit christlich vermarktete Bands wie Hillsong oder die der Bethel-Bewegung nahestehende Outbreakband, denen unterstellt wird, weltliche Musikformen lediglich mit religiösem Anstrich zu versehen – sowie eine strikte Ablehnung von Alkohol. Frauen sollen ausschließlich Frauenkleidung, insbesondere keine Hosen, tragen; sie sind von Leitungs- und Moderationsfunktionen ausgeschlossen und sollen sich in der Gemeindeversammlung nicht äußern. Ökumene und freundschaftlicher Kontakt zu als „Irrlehrer“ eingestuften Christen werden abgelehnt; nach eigener Einschätzung Urbans zählen etwa 99,9 Prozent der evangelikalen Gemeinden und der Baptisten außerhalb der eigenen Bewegung zu dieser Kategorie.
Auch das Staatsverständnis ist theologisch begründet. Demokratie gilt als „unbiblisch“, weil in ihr die zahlenmäßige Mehrheit – aus dieser Perspektive: die Ungläubigen – über eine kleine Minderheit wahrer Gläubiger entscheide; als Ideal gilt eine Herrschaft „gottesfürchtiger Männer“. Waffenbesitz wird als Kennzeichen eines freien Landes positiv bewertet; Deutschland wird wegen seines Waffenrechts und strafrechtlicher Grenzen der Meinungsfreiheit diktatorische Züge zugeschrieben. Zur Begründung wird Lukas 22,36 herangezogen, wo Jesus seine Jünger auffordert, ihre Kleidung zu verkaufen, um sich Schwerter zu beschaffen – während die unmittelbar folgende Erzählung, in der Jesus im Garten Gethsemane den Schwerteinsatz des Petrus gegen den Soldaten Malchus ausdrücklich zurückweist, in der Argumentation ausgespart bleibt.
Bezeichnend ist schließlich der Umgang mit dem Begriff der „Frucht“ aus Matthäus 7 („An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“). Statt als ethisches Verhalten wird dieser Begriff auf die Zahl bekehrter Menschen bezogen; die Homepage der Gemeinde führt einen Zähler, der die Anzahl der durch „Seelengewinnen“ bekehrten Personen ausweist – ein quantifizierbares Erfolgsmaß an die Stelle einer schwerer messbaren Lebenspraxis.
Eigenheiten und Praxis
Organisatorisch handelt es sich um eine formal unabhängige Ortsgemeinde ohne übergeordnete Denomination, die über die Person Urbans – als Angestellter der Faithful Word Baptist Church – und über ideologische Loyalität an die amerikanische Mutterkirche angebunden ist, nicht über eine förmliche Hierarchie. Kern der missionarischen Praxis ist das sogenannte Seelengewinnen (Soul Winning): Einzelgespräche von Haus zu Haus oder in Fußgängerzonen, mit dem Ziel, Menschen zur Bekehrung zu bewegen. Zeitweise finden mehrtägige „Seelengewinnungsmarathons“ statt, bei denen die Gemeinde geschlossen in einer Stadt missioniert.
Online-Plattformen, vor allem YouTube, spielen eine zentrale Rolle: Predigten liegen in voller Länge samt Abschriften vor, nach Angabe Andersons wurden Materialien in über hundert Sprachen übersetzt. Da Kanäle der Bewegung wiederholt wegen Hassrede gelöscht werden, hat sich eine Ausweichstrategie etabliert – gelöschte Inhalte werden heruntergeladen und über andere Kanäle erneut hochgeladen. Anderson begründete dieses Vorgehen mit der Behauptung, „böse Menschen“ versuchten, „biblische Predigten als Hassreden zu bezeichnen“, weshalb es notwendig sei, alternative Verbreitungswege zu sichern.
Zu formalen Aufnahmeverfahren, Mitgliedsbeiträgen, Finanzierung der Gemeinde oder zum Umgang mit Personen, die die Gemeinde verlassen, liegen keine Angaben vor. Auffällig ist der Predigtstil Urbans: durchgehend aggressiv im Tonfall, geprägt von häufigen Beleidigungen gegenüber Andersdenkenden und einer stark redundanten Argumentationsweise, die einzelne Vorwürfe mehrfach wiederholt.
Kritische Einordnung
Mehrere Merkmale der Gruppe rechtfertigen eine eingehende kritische Prüfung, auch wenn nicht zu allen für eine belastbare Bewertung relevanten Bereichen Material vorliegt.
Autoritätskonzentration und Kontrolle über die Lehrauslegung sind strukturell stark ausgeprägt. Die Ablehnung von Bibelschulen und Hauskreisen entzieht der Gemeinde alternative, potenziell korrigierende Diskursformen und konzentriert die Auslegungshoheit auf den Pastor. Der Exklusivitätsanspruch reicht weit über das hinaus, was in konservativ-christlichen Milieus üblich ist: Nahezu die gesamte übrige evangelikale und baptistische Landschaft wird als Irrlehre verworfen, Kontakt zu ihr wird abgelehnt.
Am gravierendsten ist die dokumentierte Sprache gegenüber homosexuellen und queeren sowie jüdischen Menschen. Homosexuellen wird kategorisch die Möglichkeit ewigen Heils abgesprochen; sie werden pauschal mit Mördern, Vergewaltigern und Pädophilen gleichgesetzt und mit dem Begriff „Sodomiter“ belegt, teils explizit als „Tiere“ bezeichnet – eine sprachliche Aberkennung von Menschenwürde, die den Tatbestand der Volksverhetzung berühren kann. Die Todesstrafe für Homosexualität wird als Wille Gottes bezeichnet, wobei Urban zugleich Selbstjustiz ablehnt und die Umsetzung dem Staat überlässt – eine Konstruktion, die die eigene Verantwortung für die Wirkung solcher Rhetorik rhetorisch von sich weist. Vergleichbar ist die Haltung zum Judentum: Heutigen Juden wird die Kontinuität mit dem biblischen Israel abgesprochen, es kursieren Verschwörungserzählungen über jüdische Kontrolle von Finanzen, Medien und Politik, Judentum und Israel werden als „Tempel des Satans“ bezeichnet, der Antichrist wird als jüdisch vorgestellt. Anderson gilt zudem als Holocaustleugner.
Zur Gewaltnähe der Rhetorik zählen öffentliche Todeswünsche gegenüber Barack Obama und gegenüber dem deutschen Queer-Beauftragten Sven Lehmann, die Verhöhnung der Todesopfer der Anschläge von Orlando (2016) und im Bataclan in Paris sowie eine Predigt eines mit der Bewegung verbundenen Pastors, der öffentlichen Erschießungen von Homosexuellen zustimmend gegenüberstand. Dokumentiert ist außerdem ein Fall, in dem ein Mitglied der Faithful Word Baptist Church am Tag nach einer Predigt Andersons bewaffnet zu einer Veranstaltung in Phoenix erschien; ein direkter Kausalzusammenhang lässt sich daraus nicht ableiten, das damit verbundene Eskalationspotenzial jedoch schon.
Rechtlich ist die Gruppe bereits mehrfach in Erscheinung getreten: Urban wurde wegen Volksverhetzung und Beleidigung verurteilt, Anderson unterliegt Einreiseverboten in zahlreichen Staaten, darunter die Niederlande, Südafrika, das Vereinigte Königreich, Botswana, Kanada, Jamaika, der gesamte Schengen-Raum, Irland, Australien und Neuseeland. In Pforzheim liegt eine Strafanzeige vor, ein Vereinsverbot wird politisch gefordert und von der Landesregierung geprüft; der Ausgang dieser Verfahren steht noch aus.
Zu sozialer Abschottung von Mitgliedern, zu finanziellen oder sexuellen Abhängigkeitsverhältnissen sowie zum konkreten Umgang mit Aussteigern liegen keine belastbaren Angaben vor; hier bleibt die Materialgrundlage dünn. Mit Blick auf Minderjährige fällt die bewusste Ablehnung altersgerechter Kinderbetreuung auf, die auch als Mechanismus zur Kontrolle externer Einflüsse gelesen werden kann, ohne dass dies explizit so formuliert würde.
Was für die Gruppe spricht beziehungsweise sie mit legitimen religiösen Gemeinschaften teilt, ist begrenzt, aber nicht bedeutungslos: Sie beruft sich auf die grundgesetzlich garantierte Religionsfreiheit, tritt öffentlich und nicht im Verborgenen auf, und ihre Tauftheologie – Glaubenstaufe Erwachsener statt Kindertaufe – folgt einer im weltweiten Baptismus verbreiteten, dort unstrittigen Position. Ob diese formalen Aspekte ausreichen, um die Aktivitäten der Gemeinde unter dem Schutz der Religionsfreiheit zu belassen, oder ob die dokumentierte Rhetorik die Grenze zur strafbaren Volksverhetzung und zum Verstoß gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung überschreitet, ist Gegenstand der laufenden behördlichen Prüfung.
Fazit
„Das zuverlässige Wort“ ist ein zahlenmäßig kleiner deutscher Ableger einer US-amerikanischen Bewegung, die sich über zwei aufeinanderfolgende Abspaltungen – von der Southern Baptist Convention über die Independent Fundamentalist Baptist-Bewegung bis zur radikaleren New Independent Fundamentalist Baptist-Richtung Steven Andersons – als besonders kompromisslose Variante des fundamentalistischen Baptismus positioniert hat. In der Lehre verbindet sich ein klassisch fundamentalistisches Bibel- und Heilsverständnis mit einer stark autoritären, kaum korrigierbaren Gemeindestruktur, einem Exklusivitätsanspruch gegenüber praktisch der gesamten übrigen Christenheit und einer in Häufigkeit und Radikalität deutlich über das sonst in konservativ-christlichen Milieus übliche Maß hinausgehenden, offen menschenverachtenden Rhetorik gegen homosexuelle, queere und jüdische Menschen. Diese Rhetorik hat bereits zu einer strafrechtlichen Verurteilung des Gemeindeleiters und zu einer laufenden Prüfung eines Vereinsverbots geführt. In ihrer ideologischen Struktur – autoritäre Auslegungshoheit, Exklusivitätsanspruch, systematische Feindbildkonstruktion, Aberkennung von Menschenwürde gegenüber ganzen Personengruppen – zeigt die Gruppe deutlich sektenhafte Züge, auch wenn zu ihrer internen Gruppendynamik, zur Aufnahmepraxis und zum Umgang mit Aussteigern kein belastbares Material vorliegt. Angesichts dieser Lücken und weil der Begriff „Sekte“ in der öffentlichen Debatte häufig zwischen soziologischer Beschreibung und pauschaler Abwertung changiert, trifft die Bezeichnung fundamentalistische christliche Hassgruppe den dokumentierten Befund präziser: Im Zentrum steht nicht in erster Linie eine ungewöhnliche Frömmigkeitsform, sondern eine an Todeswünschen und Entmenschlichung orientierte, potenziell strafrechtlich relevante Rhetorik gegen konkrete Personengruppen. Von der etablierten evangelikalen und baptistischen Bewegung in Deutschland grenzt sich die Gruppe selbst ausdrücklich ab und wird von dieser umgekehrt ebenso wenig als zugehörig anerkannt, weshalb ihre mediale Einordnung als „evangelikale Gemeinde“ in die Irre führt. Ob die geäußerten Positionen als Ausübung der Religionsfreiheit gedeckt sind oder die Grenze zur strafbaren Volksverhetzung und zum Verstoß gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung überschreiten, wird die laufende behördliche und strafrechtliche Prüfung klären müssen; das vorliegende Material legt jedoch mit erheblichem Gewicht die zweite Einschätzung nahe.